Wie läuft es mit Ihrer Jahresplanung? Vielleicht ist das ein wundes Thema. Eine Untersuchung der University of Scranton ergab, dass 80% der Neujahrsvorsätze bereits bis Februar scheitern. Wenn Sie also welche hatten, stehen die Chancen gut, dass auch Ihre Pläne ins Wanken geraten sind. Wenn dem so ist, verzweifeln Sie nicht! Sie befinden sich in bester Gesellschaft.
Aber hier ist etwas, das mich in meiner Arbeit als Unternehmensberaterin immer wieder verblüfft: Die produktivsten Menschen, denen ich begegne, haben oft das genau umgekehrte Problem. Sie erreichen ihre Ziele. Sie leisten beeindruckend viel. Und trotzdem gehen sie abends mit diesem nagenden Gefühl nach Hause, eigentlich nichts geschafft zu haben. Als hätten sie den Tag damit verbracht, Sauerstoff in Kohlendioxid umzuwandeln. Technisch eine Leistung, aber irgendwie nicht befriedigend.
Vor einiger Zeit traf ich mich mit einer Geschäftsführerin, die gerade ein komplexes Restrukturierungsprojekt abgeschlossen hatte: Sie hatte schwierige Personalentscheidungen zu treffen, neue Strukturen aufzubauen und ein Team dazu zu bringen, dass tatsächlich zusammenarbeitet statt sich gegenseitig passive-aggressive Post-its auf den Schreibtisch zu kleben. Ich fragte sie, wie zufrieden sie mit dem sei, was sie erreicht habe. Sie lachte und sagte: „Ehrlich gesagt habe ich meistens das Gefühl, zu absolut gar nichts gekommen zu sein.“
Ich kenne dieses Gefühl. Und ich glaube, es sagt uns etwas Wichtiges, nur nicht das, was wir denken.
Diese Idee wurzelt in einem alten philosophischen Konzept, das als via negativa bekannt ist. Der Begriff wurde durch zwei christliche Abhandlungen populär, die dem Theologen Dionysius Areopagita aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert zugeschrieben werden. Dionysius schrieb, dass Gott nicht durch weltliche Konzepte beschrieben werden könne, sondern nur durch Kontemplation dessen, was er nicht ist. Thomas von Aquin formulierte es im 13. Jahrhundert ungefähr so: Wenn du denkst, du verstehst Gott, dann – Überraschung – verstehst du ihn nicht.
Das ist zugegebenermaßen ein ziemlicher Gedankensprung. Aber bleiben Sie bei mir. Die via negativa ist im Kern die Erkenntnis, dass wir manchmal der Wahrheit näherkommen, indem wir definieren, was etwas nicht ist, statt zu beschreiben, was es ist. Wenn Sie sich festgefahren fühlen (sagen wir, in der Art, wie Sie Ihre eigene Leistung bewerten), aber nicht genau wissen, was Sie anders machen sollen, könnte dieser Ansatz genau das sein, was Sie brauchen.
Menschen nutzen eine Version der via negativa ständig, ohne es zu merken. Mein Mann und ich waren neulich über ein verlängertes Wochenende in der Therme. Insgesamt war es schön. Aber wenn Sie mich fragen, was gut war, muss ich nachdenken. Warmes Wasser? Nette Architektur? Wenn Sie mich aber fragen, was mich gestört hat – oh, da kann ich Ihnen eine Liste geben: Der Typ, der im Pool laut telefoniert hat (Brüllen von „DAS SYNCHRONIZE ICH NOCH MAL MIT DEM TEAM“ hallt besonders schön in gekachelten Räumen). Das Frühstücksbuffet, das um Punkt neun abgeräumt wurde, auch wenn noch Leute aßen. Die Tatsache, dass wir einen entfernten Bekannten getroffen haben, der den gesamten Samstag über seine Verdauungsprobleme philosophiert hat. Im Detail.
Das liegt nicht daran, dass ich eine negative Person bin (zumindest hoffe ich das). Aber die allermeisten Menschen haben das, was Psychologen den „Negativitätsbias“ nennen: eine Tendenz, unangenehme Details stärker wahrzunehmen als angenehme. Diese Denkfalle hat sich evolutionär zum Selbstschutz entwickelt. In der Vergangenheit konnte es Sie das Leben kosten, eine potenzielle Bedrohung zu übersehen. So war ein wütendes Gesicht in der Menge bedrohlich. Das Übersehen einer kleinen Freude jemandes Lächeln war hingegen höchstselten tödlich.
Und dieser Bias erklärt auch, warum wir für eine positive Erfahrung mehr gute als schlechte Momente brauchen. Psychologen nennen das die Positivitätsratio. Eine positive Sache wird von drei negativen Dingen aufgewogen. Das Universum ist mathematisch unfair.
Der Negativitätsbias mag bedauerlich erscheinen, aber er ist extrem nützlich, wenn wir ihn richtig nutzen. Wie der Ökonom Nassim Nicholas Taleb argumentiert, gibt uns die via negativa ein „subtraktives Wissen“, also Wissen darüber, was wir weglassen sollten. Es ist spezifisch, gezielt und führt, wenn wir aufmerksam sind, zu konkreten Verbesserungen.
Nehmen Sie das Thermenwochenende. Wenn ich nach Hause komme, habe ich eine klare Liste von Dingen, die ich beim nächsten Mal nicht wiederholen will: den Pool-Telefonierer meiden, früher frühstücken, Bekannte wie der Teufel das Weihwasser meiden, die gerne medizinische Monologe halten.
Diese Verbesserungen sind praktisch garantiert. Das ist konkretes Wissen.
Die Dinge, die ich hinzufügen könnte? Eine andere Aktivität planen, an einen weiterentfernten Ort reisen, wo uns niemand findet? Das ist Spekulation. Vielleicht wird es besser, vielleicht schlimmer.
Und genau hier liegt der Schlüssel für das Produktivitätsproblem: Eine einflussreiche Studie analysierte über 12.000 Tagebucheinträge von Wissensarbeitern. Menschen berichteten am häufigsten von Fortschritt und Zufriedenheit, wenn sie kleine, klar abgeschlossene Aufgaben erledigten (E-Mails beantworten, Berichte abhaken, Listen durchstreichen).
Die Tage, an denen sie an großen, komplexen Problemen arbeiteten (objektiv die wichtigeren Dinge) fühlten sich frustrierender an. Unvollständiger. Als hätten sie eigentlich nichts geschafft.
Je wichtiger die Arbeit, desto schlechter fühlt sie sich oft an. Das ist absurd. Und doch wahr.
Ich sehe das in meiner Arbeit ständig. Die wichtigsten Momente in einem Strategieprozess sind oft jene, in denen jemand endlich den Mut hat zu sagen: „Das funktioniert nicht, und wir sollten es lassen.“ Solche Entscheidungen sind kognitiv anstrengend, politisch heikel, und sie produzieren null messbare Outputs. Keine Präsentation, kein Dokument, kein Häkchen. Aber sie schaffen oft erst die Klarheit, die echtes Handeln ermöglicht.
Es gibt einen psychologischen Effekt, den die russische Psychologin Bluma Zeigarnik in den 1920er Jahren entdeckte: Unser Gehirn speichert unerledigte Aufgaben mit viel größerer Intensität als erledigte. Der Zeigarnik-Effekt erklärt, warum Sie sich abends vor allem an das erinnern, was Sie nicht geschafft haben. Nicht an die drei wichtigen Gespräche, die Sie geführt haben, sondern an die sieben E-Mails, die noch im Posteingang liegen.
Ihr Gehirn ist kein neutraler Beobachter Ihrer Produktivität. Es ist ein systematisch verzerrter Buchhalter, der Ihnen am Ende des Tages eine völlig schiefe Bilanz präsentiert. „Soll: 47 offene Punkte. Haben: 3 erledigte E-Mails. Fazit: Du bist eine Enttäuschung.“
Aber vielleicht – und hier kommt die via negativa ins Spiel – ist diese Bilanz nicht so schief, wie sie scheint. Vielleicht meldet Ihr Gehirn Ihnen nicht, dass Sie versagt haben. Vielleicht meldet es Ihnen, dass Sie an etwas gearbeitet haben, das wichtig genug ist, um nicht einfach abgehakt zu werden.
Ich habe vor ein paar Monaten angefangen, mir am Abend eine andere Frage zu stellen. Nicht: „Was habe ich heute geschafft?" Sondern: „Woran habe ich heute gearbeitet, das sich nicht abhaken lässt?“
Meistens finde ich eine Antwort. Gestern zum Beispiel: Ein schwieriges Gespräch mit einem Klienten, bei dem ich sehr genau auf die Zwischentöne achten musste. Ich habe nichts „produziert“. Kein Dokument, keine Lösung, nicht mal ein klares Ergebnis. Aber ich habe verstanden, wo das eigentliche Problem liegt. Und das fühlt sich nicht wie Fortschritt an, obwohl es welcher ist.
Oder: Eine strategische Entscheidung, die ich noch durchdenke. Ich bin noch nicht fertig. Aber ich bin näher dran. Das lässt sich nicht messen. Trotzdem ist es wichtig.
Oder: Ein Konflikt, den ich nicht gelöst habe. Aber ich habe ihn zumindest verstanden. Ich weiß jetzt, warum zwei Teams aneinander vorbeireden. Das ist kein Erfolg im klassischen Sinn. Aber es ist oft der erste Schritt zu einem.
Meine Klientin, die Geschäftsführerin, macht mittlerweile etwas Ähnliches. „Ich habe nicht aufgehört, mich abends unproduktiv zu fühlen“, erzählte sie mir neulich. „Aber ich habe aufgehört, dieses Gefühl als Versagen zu lesen. Meistens ist es ein Zeichen dafür, dass ich an etwas Kompliziertem gearbeitet habe. An etwas, das zu groß ist für ein Häkchen.“
Das ist die via negativa in der Praxis. Nicht zu versuchen, das Unbehagen wegzumachen, sondern es als Information zu lesen über die Art von Arbeit, die Sie geleistet haben.
Viele spirituelle Traditionen lehren übrigens etwas Ähnliches. Der Hinduismus spricht vom Atman, dem wahren Selbst, das durch Upādāna verdeckt ist: durch Anhaftungen in Form von Eitelkeiten, Besitztümern, Ablenkungen, To-Do-Listen. Wenn Sie sich immer über Ihren Job definieren, bieten Sie anderen (und sich selbst) ein Symbol Ihrer selbst statt Ihres wahren Selbst.
Die Lösung ist ein Prozess namens neti-neti: „nicht dies, nicht dies“. Sie sind nicht Ihre Karriere. Nicht Ihr Geld. Nicht Ihr Aussehen. Und – hier wird es relevant – nicht die Anzahl der Aufgaben, die Sie heute abgehakt haben.
Ich schreibe mir das mittlerweile manchmal abends auf. Als kleine Erinnerung. „Ich bin nicht meine To-Do-Liste“. Es hilft. Zumindest ein bisschen.
Letzten Freitag Abend zum Beispiel. Ich saß an meinem Schreibtisch, fühlte mich furchtbar unproduktiv. Dann habe ich mich gefragt: Woran habe ich gearbeitet? Die Antwort: Ich habe drei Stunden mit einem Team verbracht, das einen Konflikt hatte. Wir haben keine „Lösung“ gefunden. Aber wir haben verstanden, warum alle aneinander vorbeireden. Und am Ende haben zwei Leute zum ersten Mal seit Monaten miteinander gelacht.
Kein Dokument. Keine Präsentation. Kein messbarer Output. Aber wenn ich ehrlich bin: Das war vermutlich der wichtigste Moment der Woche.
Vielleicht ist genau dieses leise Unbehagen am Abend kein Zeichen von Versagen, sondern ein Zeichen dafür, dass Sie nicht einfach Aufgaben abgearbeitet haben. Dass Sie stattdessen komplexe Probleme durchdacht haben. Schwierige Gespräche geführt haben. Wichtige strategische Weichen gestellt haben.
Diese Arbeit hinterlässt keine Häkchen. Aber sie hinterlässt Spuren in der Welt.
Und wenn Ihr verzerrter Buchhalter Ihnen am Abend meldet, dass Sie nichts geschafft haben? Dann meldet er Ihnen vielleicht in Wirklichkeit: Sie haben heute etwas getan, das zu bedeutsam ist, um es einfach abzuhaken.

