Wenn der Glanz verblasst

Eine Freundin erzählte mir vor sechs Monaten beim Abendessen von ihrer neuen Stelle. Sie leuchtete förmlich. „Es ist genau das, wovon ich immer geträumt habe“, sagte sie. „Tolle Kollegen, spannendes Projekt, endlich die Chance, wirklich etwas zu bewegen.“ Letzte Woche traf ich sie wieder. Dieselbe Stelle. Völlig andere Stimmung. „Ich weiß auch nicht“, seufzte sie. „Irgendwie ist der Glanz weg. Es fühlt sich jetzt einfach nur noch nach Arbeit an.“

Was meine Freundin erlebte, ist ein universelles menschliches Phänomen, das Psychologen als hedonische Adaptation bezeichnen. Aber die mittelalterlichen Mönche hatten bereits einen Namen dafür: acedia. Das ist eine spirituelle Trostlosigkeit, die selbst die frömmsten Asketen heimsuchte. Der Theologe Thomas von Aquin beschrieb es im 13. Jahrhundert als einen „Überdruss am Guten“, eine Gleichgültigkeit gegenüber dem, was uns einst erfüllte.

Das Faszinierende ist: Diese Ernüchterung ist nicht religiös, sondern biologisch. Sie betrifft praktisch jeden Bereich unseres Lebens.

Nehmen wir die Ehe. Eine Studie von 2002 im Journal of Personality and Social Psychology verfolgte 168 Paare über vier Jahre und fand einen signifikanten Rückgang der Beziehungszufriedenheit, besonders stark zwischen dem fünften und siebten Jahr. Der Soziologe Bradford Wilcox von der University of Virginia hat dokumentiert, dass die Scheidungsrate in diesem Zeitraum ihren Höhepunkt erreicht. Was Paartherapeuten die „Siebenjahreskrise“ nennen, ist keine Erfindung: Die anfängliche Leidenschaft weicht Routine, Vertrautheit wird zur Langeweile, und kleine Macken verwandeln sich in große Ärgernisse.

Oder betrachten Sie Ihren Job. Organisationspsychologen haben herausgefunden, dass die Arbeitszufriedenheit typischerweise einem vorhersagbaren Muster folgt: Sie beginnt hoch, erreicht nach etwa sechs Monaten ihren Höhepunkt und fällt dann ab. Eine Gallup-Studie ergab, dass 85 Prozent der Arbeitnehmer weltweit nicht engagiert oder aktiv unengagiert sind. Was als aufregende Gelegenheit begann, wird zur Plackerei.

Neurowissenschaftler von der University of Cambridge haben die neurologische Grundlage dafür aufgedeckt. Unser Belohnungssystem im Gehirn, das durch den Neurotransmitter Dopamin gesteuert wird, reagiert nicht auf Belohnungen selbst, sondern auf unerwartete Belohnungen. Der neue Partner, der neue Job, das neue Auto: All das löst einen Dopaminschub aus. Aber sobald wir uns daran gewöhnt haben, sinkt die Reaktion. Das Gehirn sagt im Wesentlichen: „Kenne ich schon. Langweilig.“

Unsere moderne Kultur bietet eine scheinbar einfache Lösung: Wenn etwas langweilig wird, wechseln wir es einfach aus. Neue Beziehung, neuer Job, neue Stadt. Die Dating-App-Ökonomie basiert auf dieser Logik.

Aber hier ist das Problem: Die hedonische Adaptation hört nicht auf. Wie der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert zeigt, überschätzen wir systematisch, wie lange uns etwas Neues glücklich machen wird. Der nächste Job wird genauso langweilig werden wie der jetzige. Der nächste Partner wird genauso vertraut werden wie der aktuelle.

Ich habe das selbst erlebt. Vor ein paar Jahren habe ich einen neuen Klienten angenommen. Es war ein mittelständisches Unternehmen, das komplett umstrukturiert werden sollte. Spannende Aufgabe, engagierte Geschäftsführung, endlich mal ein Projekt, bei dem ich wirklich gestalten konnte. Die ersten Monate waren aufregend. Nach sechs Monaten saß ich in einem Strategiemeeting und dachte: Moment mal. Das hier kenne ich. Das ist genau wie beim letzten Klienten. Nur die Branche ist neu.

Und dann kam der Gedanke, der alles veränderte: Was, wenn das Problem gar nicht der Job ist? Was, wenn das Problem ist, dass ich denke, ein guter Job sollte sich immer aufregend anfühlen?

Was mache ich jetzt damit? Ich habe drei Dinge gelernt, die mir geholfen haben:

  1. Ich habe angefangen, Langeweile als etwas anderes zu sehen: Der Psychologe Todd Kashdan von der George Mason University hat untersucht, wie Menschen mit Routine umgehen. Seine Forschung zeigt, dass das Problem nicht die Routine selbst ist, sondern wie wir sie interpretieren. Was Sie womöglich als „langweilig“ empfinden, ist vielleicht eher Verlässlichkeit, Sicherheit, Vertrautheit – also Dinge, die uns tatsächlich glücklich machen. Wenn Ihr Partner vorhersagbar wird, heißt das: Sie können ihm vertrauen. Wenn Ihr Job zur Routine wird, heißt das: Sie haben Kompetenz erreicht. Nach jedem Meeting habe ich mir ein paar Wochen lang notiert: hohl oder erfüllend? Die hohlen Meetings waren meistens die mit den dramatischen Präsentationen und den hitzigen Diskussionen. Die erfüllenden? Die langweiligen. Die, in denen wir einfach Probleme gelöst haben, ohne viel Aufhebens. Was ich für Langeweile gehalten hatte, war Kompetenz. Seitdem frage ich mich bei dem Gedanken „Das ist so öde... Oder ist es stabil?“

  2. Seitdem suche ich bewusst nach Neuheit, aber nicht überall. Die Psychologin Sonja Lyubomirsky hat gezeigt, dass Abwechslung der Feind der hedonischen Adaptation ist. Aber Sie müssen nicht alles ändern. Ändern Sie, wie Sie Dinge tun. Mein Mann und ich haben zum Beispiel eine feste Abendroutine, die wir lieben und nie ändern würden. Aber einmal im Monat machen wir bewusst etwas völlig Neues. Letzten Monat waren wir nach langem wieder im Theater, nächsten Monat wird es vermutlich ein Escape Room. Oder Bogenschießen. Ich weiß es noch nicht, und das ist genau der Punkt. Paare, die regelmäßig neue Aktivitäten zusammen unternehmen, berichten von höherer Beziehungszufriedenheit. Im Job suche ich nach neuen Projekten, lerne neue Fähigkeiten, variiere meine Routine. Das Ziel ist nicht Flucht, sondern Erneuerung.

  3. Was mir am meisten geholfen hat: Zu akzeptieren, dass Bedeutung Zeit braucht. Eine Langzeitstudie der Harvard Medical School, die Menschen über 75 Jahre begleitete, fand einen überraschenden Befund: Die glücklichsten Menschen waren nicht jene mit den aufregendsten Leben, sondern jene mit den tiefsten Beziehungen. Und tiefe Beziehungen entstehen nicht durch permanente Neuheit, sondern durch das Durchhalten schwieriger Phasen. Der japanische Begriff ikigai, also Lebenssinn, entsteht nicht aus Begeisterung, sondern aus Meisterschaft, Dienst und Verbundenheit, die nur Zeit erschaffen kann.

Ich denke dabei an ein Training, das ich seit Jahren immer wieder halte. „Kommunikation in schwierigen Gesprächen“: immer ähnlicher Aufbau, immer ähnliche Themen. Am Anfang meiner Selbstständigkeit war jedes Training aufregend: neue Gesichter, neue Fragen, jedes Mal das Gefühl, wirklich etwas zu bewirken. Nach ein paar Jahren kannte ich alle typischen Fragen. Ich wusste genau, an welcher Stelle jemand sagen würde: „Ja, aber in der Praxis funktioniert das nicht.“ Nach zehn Jahren dachte ich ernsthaft darüber nach, dieses Training aus meinem Programm zu nehmen. Es fühlte sich nicht mehr nach Fortschritt an.

Aber dann fiel mir auf: Die Teilnehmer erleben es jedes Mal zum ersten Mal. Für sie ist es nicht Routine. Für sie ist es der Moment, in dem etwas klick macht. Was ich für Langeweile gehalten hatte, war eigentlich Meisterschaft. Ich kannte das Material so gut, dass ich endlich wirklich auf die Menschen achten konnte. Es war nie langweilig geworden. Ich hatte nur vergessen, worauf es ankommt

Die mittelalterlichen Mönche hatten recht: Acedia ist eine Schwelle, keine Sackgasse. Auf der anderen Seite der Ernüchterung wartet nicht mehr Begeisterung, sondern etwas Wertvolleres: Bedeutung, Tiefe, echte Erfüllung. Aber Sie müssen lange genug bleiben, um sie zu finden.