Jeden Januar erlebe ich dasselbe Schauspiel. Einer meiner Freunde (nennen wir ihn Michael) verbringt die ersten Januartage damit, ein beeindruckendes Strategiedokument zu erstellen. Klarer kommunizieren. Mehr delegieren. Früher Nein sagen. Er erstellt Excel-Tabellen mit Fortschrittsindikatoren, teilt seine Ziele mit seinem Team, strahlt Entschlossenheit aus. Letztes Jahr rief ich ihn Mitte März an und fragte, wie es mit seinen Vorsätzen läuft. „Ach“, sagte er und lachte verlegen, „du weißt schon.“
Ich weiß. Und Sie wissen es wahrscheinlich auch.
Das Erschreckende an Neujahrsvorsätzen ist nicht, dass wir sie aufgeben. Das wäre fast zu erwarten. Das wirklich Erschreckende ist, dass viele von uns Ende Januar nicht einmal mehr wissen, welche Vorsätze wir uns vorgenommen hatten. Die Fitness-App Strava analysierte 2019 Millionen von Nutzerdaten und fand ein präzises Verfallsdatum für unsere guten Absichten: den zweiten Dienstag des Jahres, 2026 also der 13. Januar. Sie tauften ihn „Quitter's Day“: den Tag des Aufgebens.
Ich habe bereits mehr als fünfzehn Jahre damit verbracht, Führungskräfte und Teams zu begleiten, und dabei etwas Faszinierendes gelernt: Menschen, die erfolgreich neue Gewohnheiten etablieren, tun das nicht primär durch Willenskraft oder ausgefeilte Pläne. Sie tun es durch etwas viel Subtileres: Sie ändern, wer sie glauben zu sein. Das klingt nach esoterischem Gerede, aber die Wissenschaft dahinter ist bemerkenswert solide. Meta-Studien aus dem Jahr 2025 zeigen das aufschlussreich: Menschen, die sich selbst als „jemand, der Sport treibt“ definieren, bleiben ihrem Training deutlich länger treu als jene, die sich lediglich vornehmen, „mehr Sport zu treiben“. Der sprachliche Unterschied klingt minimal. Psychologisch gesehen ist er gewaltig.
Ihr Gehirn verteidigt Ihre Identität wie eine mittelalterliche Festung. Ihre Neujahrsvorsätze? Das sind Post-it-Zettel, die Sie an die Festungsmauer kleben. Der erste Windstoß weht sie davon. Das war Michaels Problem – und vermutlich auch meins und Ihrs. Er hatte einen Plan, aber keine neue Geschichte über sich selbst. Er war immer noch „Michael, der zu viel selbst macht“, nur mit einem Dokument, das behauptete, er sollte anders sein. Sein Nervensystem kaufte ihm das nicht ab.
Dann kommt das zweite Problem: Wir machen unsere Vorsätze viel zu groß. Forscher am University College London untersuchten 2009, wie lange es wirklich dauert, bis ein neues Verhalten automatisch wird. Die Antwort überrascht: durchschnittlich 66 Tage. Nicht die oft zitierten 21 Tage, diese sind ein Mythos. Diese 66 Tage gelten für relativ einfache Verhaltensweisen wie ein Glas Wasser zum Frühstück zu trinken. Komplexere Veränderungen wie „klarer kommunizieren“ oder „besser delegieren“ brauchen hingegen sogar oft Monate oder Jahre. Wenn Sie also am 1. Januar beschließen, Ihr gesamtes Führungsverhalten zu revolutionieren, bitten Sie Ihr Gehirn im Grunde, drei oder vier Jahre Entwicklungsarbeit in wenige Wochen zu komprimieren. Ihr Gehirn antwortet höflich: „Nein, danke“ und bestellt stattdessen eine Pizza.
Was also funktioniert wirklich? Nach all den Jahren und meinen eigenen spektakulären Selbstoptimierungskatastrophen habe ich drei Dinge gelernt, die tatsächlich einen Unterschied machen.
Das erste ist radikal: Vergessen Sie „Ich will mehr delegieren.“ Fragen Sie sich stattdessen: Wer bin ich, wenn ich gut führe? Vielleicht sind Sie „jemand, der anderen vertraut“ oder „jemand, der Teams befähigt“. Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit: nicht im Aufschreiben der Antwort, sondern im Aushalten der Frage. Ihr Gehirn stellt sich jeden Morgen eine zentrale Frage: Wer bin ich? Und die Antwort entsteht nicht in einem Moment der Klarheit, sondern in vielen kleinen Momenten des Zweifels und der Neuausrichtung. Ein Manager sagte mir einmal, er wolle „konfliktfreudiger“ werden. Wir saßen stundenlang zusammen mit dieser unbehaglichen Frage: Wer bist du wirklich, wenn du in den Konflikt gehst? Bis er dann sagte: „Ich bin jemand, der Wahrheit über Harmonie stellt.“ Die Geschichte dahinter – warum das für ihn so schwer war, was er dabei riskierte – war die eigentliche Veränderung. Drei Monate später hatte er zwei schwierige Gespräche geführt, die er seit Jahren vor sich hergeschoben hatte.
Das zweite Prinzip habe ich von den Benediktinermönchen gelernt, die seit anderthalb Jahrtausenden bemerkenswert gut darin sind, Gewohnheiten aufrechtzuerhalten. Sie haben eine faszinierende Regel: Sie arbeiten drei bis vier Stunden täglich an ihren Aufgaben und lassen ihre Arbeit niemals in ihre Gebetszeiten eindringen. Ein Journalist fragte einmal, was passiert, wenn sie ihre Arbeit nicht rechtzeitig fertigbekommen. Die Antwort war radikal einfach: „You get over it.“ Man kommt darüber hinweg. Das zeigt etwas Fundamentales: Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch heroische Kraftakte, sondern durch winzige, wiederholbare Verschiebungen. Statt „Ich will klarer kommunizieren“ versuchen Sie: „In meinem Montagsmeeting stelle ich diese Woche eine klärende Frage.“ Eine einzige. Wenn Sie das acht Wochen durchhalten, haben Sie eine neue Gewohnheit etabliert. Dann können Sie die nächste angehen. Der Fehler, den Michael und die meisten von uns machen, ist der Glaube, dass große Veränderungen große Schritte erfordern. Das Gegenteil ist wahr.
Und das dritte Prinzip lautet: Sie werden scheitern. Mehrfach. Die entscheidende Frage ist nicht ob, sondern wann, und was Sie dann tun. Forschung zu erfolgreichen Verhaltensänderungen zeigt, dass Menschen, die langfristig durchhalten, nicht jene sind, die nie scheitern. Es sind jene, die einen Plan für ihr Scheitern haben. Das kann so simpel sein wie: „Wenn ich zwei Wochen meine neue Gewohnheit vernachlässigt habe, schreibe ich mir selbst eine freundliche E-Mail und fange am nächsten Tag neu an.“ Klingt trivial, ist aber entscheidend. Ohne diesen Plan wird aus einem Ausrutscher eine Kapitulation. Mit diesem Plan bleibt es ein Ausrutscher.
Wenn Sie wie Michael, wie ich oder wie vermutlich die meisten Leser und Leserinnen Ihre Neujahrsvorsätze bereits aufgegeben oder vergessen haben, ist das kein Drama. Sie haben nicht versagt. Sie haben nur versucht, Veränderung mit den falschen Werkzeugen anzugehen. Veränderung ist nicht an den Kalender gebunden. Sie können heute anfangen. Nicht mit einem elaborierten Plan. Nicht mit einer Excel-Tabelle. Sondern mit einer Frage, die Sie vielleicht noch nicht beantworten können: Wer bin ich, wenn ich so handle, wie ich handeln möchte?
Die Antwort wird nicht sofort kommen. Sie wird in Gesprächen entstehen, in Momenten des Zögerns, in der Stille nach einem Meeting, in dem Sie etwas gesagt oder nicht gesagt haben. Und dann: Tun Sie etwas Lächerlich-Kleines. Heute. Morgen wieder. Übermorgen wieder. Nicht weil Sie einen Plan abarbeiten, sondern weil Sie jemand werden, der solche Dinge tut.
In 66 Tagen, sagen wir, Ende April, schauen Sie zurück. Vielleicht werden Sie überrascht sein. Vielleicht auch nicht. Vielleicht haben Sie nur eine Ahnung davon, dass sich etwas verschoben hat, so subtil, dass Sie es kaum benennen können. Und vielleicht ist genau das der Anfang.

