Warum uns Smalltalk umbringen kann (und wie wir das ändern können)

Neulich kam ich von einem Networking-Event nach Hause und fühlte mich, als hätte ich einen Sack Zement die Treppe hochgetragen. Mein Mann sah mich an und sagte: „Du siehst aus, als hättest du gerade eine Gehaltsverhandlung mit dem Teufel geführt.“ Er hatte nicht ganz unrecht. Ich hatte drei Stunden lang über Immobilienpreise, Urlaubsziele und die Vorzüge verschiedener Kaffeemaschinen gesprochen. Alles nett. Alles zivilisiert. Und trotzdem fühlte ich mich leer wie eine Chipstüte nach einem Netflix-Marathon.

Das Seltsame: Ich hatte sogar gelacht, an den richtigen Stellen, versteht sich. Aber irgendetwas hatte gefehlt. Der Soziologe Erving Goffman hätte sofort gewusst, was: Ich selbst.

Goffman beschrieb in den 1950er-Jahren eine Theorie, die erklärt, warum wir uns nach vielen sozialen Situationen fühlen, als hätten wir Schauspielunterricht genommen statt Freunde getroffen. Er unterschied zwischen „Frontstage“, also unserer öffentlichen Performance, und „Backstage“, dem, was passiert, wenn niemand zuschaut. Die meiste Zeit, besonders mit Menschen, die wir nicht gut kennen, sind wir frontstage. Wir spielen unsere Rolle: Der kompetente Berater, die entspannte Gastgeberin, der Typ, der interessante Dinge zu sagen hat (und dessen Meinung zu Kaffeemaschinen Sie unbedingt hören wollten).

Das Problem ist aber, dass Schauspielern erschöpfend sein kann, besonders wenn man vergisst, dass man es tut. Und noch erschöpfender, wenn man es drei Stunden lang macht, ohne dafür bezahlt zu werden.

Vor ein paar Wochen jedoch passierte etwas Ungewöhnliches. Mein Mann und ich waren bei einer Veranstaltung, bei der wir kaum jemanden kannten. Ich bereitete mich mental auf die üblichen Fragen vor („Was machen Sie beruflich?“ – „Ach, wie interessant!“ – inneres Gähnen). Aber dann stellte die Gastgeberin, nach vielleicht zehn Minuten Smalltalk, eine Frage, die den Abend auf den Kopf stellte: „Hatten Sie schon einmal eine richtige Krise?“

Ich erwartete betretenes Schweigen. Oder dass jemand schnell das Thema wechseln würde zu etwas Sicherem wie, nun ja, Kaffeemaschinen. Stattdessen begann jemand zu erzählen. Dann ein anderer. Die Masken fielen schneller als bei einer Faschingsparty um Mitternacht. Die Stunden vergingen wie Minuten. Als wir gingen, fühlte ich mich nicht erschöpft, sondern seltsam lebendig, als hätte ich endlich wieder normal atmen können.

Was war passiert? Der britische Psychoanalytiker D.W. Winnicott hatte eine Theorie dazu. Er unterschied zwischen dem „falschen Selbst“, der Maske, die wir aufsetzen, um zu funktionieren, und dem „wahren Selbst“, unserem authentischen Kern. Das falsche Selbst ist keine Täuschung oder Lüge. Es ist eine brillante Anpassung, die wir als Kinder entwickeln, um die Erwartungen unserer Umgebung zu erfüllen. Es hilft uns zu überleben. Ohne unser falsches Selbst würden wir vermutlich alle noch im Pyjama zur Arbeit gehen und in Meetings sagen, was wir wirklich denken.

Das Problem allerdings ist, dass wir uns nur dann wirklich lebendig fühlen, wenn unser wahres Selbst gesehen wird. Aber das wahre Selbst ist verletzlich. Also verstecken wir es, manchmal so gut, dass wir selbst vergessen, wo es ist.

Winnicott schrieb, dass die größte menschliche Angst nicht die Angst vor dem Tod ist, sondern die Angst, nicht wirklich zu existieren. Wenn wir nur unser falsches Selbst zeigen, bekommen wir eine Art Existenz, aber eine hohle. Wir funktionieren, aber wir leben nicht. Wir sind wie diese Pappaufsteller von Schauspielern in Kino-Lobbys: hübsch auf den ersten Blick, aber zweidimensional und ohne Innenleben.

Hier wird es interessant: Wir wissen alle, dass Smalltalk uns nicht glücklich macht. Die Psychologen Matthias Mehl von der University of Arizona hat das sogar gemessen. Er stattete Versuchspersonen mit Audiogeräten aus, die zufällig Gesprächsfetzen aufzeichneten. Dann analysierte er diese Gespräche: Wer führte tiefgründige Gespräche? Wer blieb beim Smalltalk?

Das Ergebnis war eindeutig: Je mehr substantielle Gespräche jemand führte, desto zufriedener war er mit seinem Leben. Smalltalk korrelierte mit Unzufriedenheit. Mit anderen Worten: Ihre Unterhaltung über das Wetter macht Sie nachweislich traurig.

Trotzdem machen wir es ständig. Warum? Weil echte Intimität immer Risiko bedeutet. Was, wenn jemand unser wahres Selbst sieht und denkt: „Naja, dein falsches Selbst war mir eigentlich lieber“? Was, wenn wir zu viel preisgeben und morgen die ganze Nachbarschaft über unsere Midlife-Crisis Bescheid weiß? Was, wenn wir etwas Persönliches sagen und dann diese furchtbare Stille kommt? Also wählen wir die Sicherheit der Maske. Wir sprechen über Kaffeemaschinen. Und bleiben hungrig nach Verbindung.

Goffman fügte noch etwas hinzu: Wir sind alle Komplizen in diesem Spiel. Wir wissen, dass die anderen Masken tragen. Und die anderen wissen auch, dass wir Masken tragen. Aber wir spielen mit, weil das Spiel uns alle schützt. Es ist wie ein stiller Pakt: „Ich tue so, als wärst du diese perfekt zusammengestellte Version von dir, und du tust so, als wäre ich dieser souveräne Mensch.“

Wenn einer die Maske ablegt, zwingt er auch die anderen dazu. Das ist bedrohlich. Plötzlich müssten wir alle zugeben, dass wir eigentlich keine Ahnung von Kaffeemaschinen haben und dass uns unser Leben manchmal ratlos macht.

Hier die gute Nachricht: Wir irren uns systematisch darüber, was andere Menschen wollen. Die Psychologen Nicholas Epley und Juliana Schroeder fanden heraus, dass wir überschätzen, wie unangenehm persönliche Fragen für andere sind. In ihren Experimenten befürchteten Probanden, dass tiefere Fragen als aufdringlich empfunden würden. Tatsächlich waren die Befragten dankbar. Sie hatten darauf gewartet.

Mit anderen Worten: Wir alle tragen unsere Masken und warten darauf, dass jemand uns einlädt, sie abzulegen. Aber niemand traut sich, die Einladung auszusprechen, weil wir alle denken, die anderen wollen das gar nicht. Das ist, als würden wir alle in einem Restaurant sitzen, Hunger haben, aber niemand bestellt, weil jeder denkt, die anderen sind schon satt. Und dann sitzen wir da und verhungern gemeinsam, während wir höflich über die Speisekarte plaudern.

Als ich darüber nachdachte, was diese mutige Gastgeberin anders gemacht hatte, fiel mir auf: Sie hatte intuitiv drei Prinzipien verwendet, die ich aus meiner Arbeit kenne. Und das Schöne ist: Sie sind einfacher, als Sie denken.

Erstens: Machen Sie nicht so, als würden Sie alles wissen. Im Zen-Buddhismus gibt es ein Konzept namens Shoshin, der Geist des Anfängers. Es bedeutet, dass Sie Ihre Annahmen ablegen sollten, auch wenn Sie Experte sind. In Gesprächen heißt das: Selbst wenn jemand etwas Vertrautes erzählt, fragen Sie „Wie meinen Sie das genau?“ Das klingt simpel, aber es durchbricht etwas Fundamentales. Normalerweise hören wir nicht zu, um zu verstehen. Wir hören zu, um zu antworten. Unser Geist ist beschäftigt mit dem, was wir als Nächstes sagen werden. Der Beginner‘s Mind kehrt das um. Er sagt: Ich weiß nichts über deine Erfahrung. Ich kann nur zuhören. Das ist schwieriger als es klingt, weil es bedeutet, dass Sie Ihren inneren Kommentator zum Schweigen bringen müssen. Der ist nämlich ziemlich geschwätzig.

Zweitens: Halten Sie Ihre Bewertungen zurück. In den meisten Gesprächen bewerten wir ständig. Jemand erzählt ein Problem, und sofort schießen uns Lösungen durch den Kopf. („Hast du schon mal XY versucht?“) Oder Vergleiche: „Bei mir war das so…“ Oder Korrekturen: „Aber hast du nicht…?“ Wir meinen es gut. Wir wollen helfen. Aber wir machen damit vielmehr die Geschichte des anderen zu unserer eigenen. Winnicott beschrieb, dass das wahre Selbst sich nur in einem Raum ohne Urteil zeigt. Für Kinder schafft die Mutter diesen Raum. Für Erwachsene? Selten. Die meisten von uns haben stattdessen einen inneren Richter, der ständig Noten verteilt wie bei Eiskunstlauf: „Diese Krise? Solide 7,5. Ich hatte mal eine 8,9.“

Das Paradoxe: Indem wir weniger bewerten, verstehen wir mehr. Und der andere fühlt sich gesehen. Und zwar nicht als Problem, das gelöst werden muss, sondern als Mensch, der verstanden werden darf.

Drittens: Bleiben Sie bei der Geschichte des anderen. Im Improvisationstheater gibt es eine Grundregel: „Yes, and…“ Statt eine Idee mit „Ja, aber…“ zu blockieren, bauen Sie darauf auf. In Gesprächen bedeutet das, dass Sie bei der Geschichte des anderen bleiben und dann nachfragen „Und was geschah dann?“. Bringen Sie nicht sofort Ihre eigene Geschichte ein. Das fällt uns schwer. Aus guter Absicht. Jemand erzählt von einem schwierigen Moment, und wir denken: „Ich zeige Empathie, indem ich eine ähnliche Erfahrung teile.“ Aber was wir als Verbindung meinen, empfindet der andere oft als Ablenkung. Der Soziologe Charles Derber hat einen wunderbaren Begriff dafür: „conversational narcissism“. Das klingt hart, aber er meint es nicht böswillig. Es ist die Tendenz, jedes Gespräch auf uns selbst zu lenken. Wir tun es alle. Ständig. „Dein Hund ist gestorben? Ach, als mein Hund starb…“ Und schon reden wir über unseren Hund.

„Yes, and…“ ist eine Backstage-Einladung. Es sagt: Deine Geschichte ist wichtiger als meine. Zumindest für die nächsten paar Minuten.

Beginnen Sie also zu experimentieren, und zwar vorsichtig. Starten Sie nicht bei jeder Gelegenheit, man kann nicht den Postboten mit „Hatten Sie schon mal eine Krise?“ begrüßen. (Oder vielleicht doch? Ich habe es noch nicht ausprobiert.) Fragen Sie nicht mehr nur „Was machen Sie beruflich?“, sondern manchmal „Was hat Sie dazu gebracht?“. Nicht „Wie geht es Ihnen?“, sondern „Was bewegt Sie gerade?“

Die Reaktionen werden Sie überraschen. Die meisten Menschen sind nicht nur bereit, sondern erleichtert. Es ist, als hätten sie darauf gewartet, dass jemand die Erlaubnis gibt. Endlich hören wir auf nur über die Speisekarten zu sprechen, sondern bestellen endlich. Einmal fragte ich einen Bekannten, den ich seit Jahren kenne und mit dem ich immer nur über Sport gesprochen hatte, wie er eigentlich zu seinem Job gekommen war. Er erzählte mir eine halbe Stunde lang eine Geschichte, die ich nie erwartet hätte. Am Ende sagte er: „Weißt du, das habe ich noch nie jemandem erzählt.“

Es funktioniert aber nur, wenn Sie selbst beginnen. Wenn Sie zuerst Ihre Maske ablegen. Ich weiß, dass das schwierig ist. Es bedeutet, das Risiko einzugehen, das Winnicott beschreibt, nämlich das Risiko, abgelehnt zu werden. Oder, fast schlimmer: das Risiko, dass jemand „Aha“ sagt und dann schnell das Thema wechselt zu… Kaffeemaschinen.

Das vielleicht Überraschendste: Diese Gespräche sind nicht anstrengender als Smalltalk. Sie sind das Gegenteil. Nach drei Stunden echtem Austausch bin ich lebendig, nicht erschöpft. Ich fühle mich nicht wie ein Pappaufsteller, sondern wie ein Mensch mit Innenleben und allem, was dort dazugehört.

Wir leben in einer paradoxen Zeit. Wir sind hypervernetzt und gleichzeitig einsam. Wir haben Hunderte von „Freunden“ online und niemanden, dem wir von unserer Ehekrise erzählen würden. Wir teilen ständig, aber nur unsere Frontstage. Unsere sorgfältig kuratierte, gefilterte, optimierte Version von uns selbst. Die Version, die immer gut aussieht und nie Probleme hat, die nicht mit einem Kaffee und einem inspirierenden Zitat gelöst werden können. Backstage bleibt versteckt. Und wir fragen uns, warum wir uns so leer fühlen.

Die gute Nachricht: Es braucht keine therapeutische Ausbildung, um das zu ändern. Es braucht nur drei einfache Prinzipien und den Mut, die erste echte Frage zu stellen. Oder noch wichtiger: den Mut, zuerst die eigene Maske abzulegen. Manchmal reicht eine mutige Gastgeberin und eine unerwartete Frage, um uns daran zu erinnern: Wir alle haben auch einen Backstage-Eingang. Wir alle sehnen uns danach, gesehen zu werden. Wir alle warten nur darauf, dass jemand die Einladung ausspricht.

Vielleicht könnten wir selbst diese Person sein. Beim nächsten Mal, wenn Sie jemand fragt, wie es Ihnen geht, könnten Sie etwas Verrücktes tun: die Wahrheit sagen. Oder zumindest eine Version davon, die über „Gut, danke“ hinausgeht.

Und wenn das nicht klappt? Nun, wir können immer noch über Kaffeemaschinen sprechen. Die sind ein sicheres Thema. Langweilig, aber sicher.