Hotelbuchungen und andere Fluchtwege

Mein Mann und ich haben letzte Woche zweieinhalb Stunden über ein Hotel gesprochen. Wir haben Bewertungen verglichen, Fahrtdauer abgewogen, drei Mal die Lage auf der Karte überprüft. Wir waren sachlich, lösungsorientiert, fast professionell. Und während ich auf das vierte Vergleichsportal klickte, dachte ich: Ich will gar nicht in den Urlaub. Ich will, dass jemand merkt, dass ich müde bin. Aber das habe ich nicht gesagt. Stattdessen habe ich gesagt, das Frühstücksbüfett bei den Bewertungen klinge mittelmäßig.

Kommt Ihnen so etwas bekannt vor? Vielleicht aus dem letzten langen Meeting über „Prozessoptimierung“, in dem das eigentliche Thema das verlorene Vertrauen im Team war, das niemand mehr aussprach. Oder aus dem siebten Gespräch über die neue Küche, das in Wahrheit ein Gespräch über Einsamkeit in einer langen Ehe war. Wir sind alle erstaunlich gut darin, sehr präzise über das zu reden, was uns nicht weh tut.

In der Psychoanalyse würde man darin eine Form von Intellektualisierung erkennen: den Versuch, etwas Fühlbares in etwas Denkbares zu verwandeln. Der Einsatz des Denkens, um das Fühlen zu vermeiden. Wir flüchten in Analyse, sobald uns eine Emotion zu nahe kommt. Hotels sind sicherer als Erschöpfung und Organigramme sind sicherer als verletzte Würde.

Ich sage das mit einer gewissen Ironie. Ich bin Unternehmensberaterin und Coach, ich kenne diese Mechanismen, ich habe Workshops und Trainings darüber gehalten. Vor einigen Monaten saß ich in einem Meeting zu einem Projekt, das schief lief. Die Stimmung war angespannt, die Ergebnisse hinter den Erwartungen. Ich habe eine detaillierte Abweichungsanalyse präsentiert, Diagramme gezeigt, drei Korrekturmaßnahmen mit Verantwortlichen und Zeitplan vorgeschlagen. Ich habe das Problem gelöst. Nur dass das eigentliche Problem ein anderes war: Ich hatte Angst, das Vertrauen des Kunden zu verlieren. Ich hatte Angst, das Team enttäuscht zu haben. Aber statt „Ich fürchte, ich habe euch im Stich gelassen“ zu sagen, redete ich über Gantt-Charts.

Lange habe ich gedacht, das eigentliche Problem sei, dass wir nicht genug über unsere Gefühle reden. Dass die Lösung darin liege, mutiger zu sein, präziser, ehrlicher. Mehr Worte für das Innere zu finden. Vielleicht auch bessere Worte. Aber das war ein Irrglaube.

Oft vermeiden wir nicht nur das Gefühl. So schlimm ist es nicht, traurig zu sein oder ängstlich oder überfordert. Wir haben das alle schon erlebt und überlebt. Was wir vermeiden, ist, dabei gesehen zu werden. Das Gefühl ist der Zeuge. Es ist der Moment, in dem ein anderer Mensch uns ansieht und weiß, dass wir gerade nicht souverän sind. Dass wir nicht die kompetente Beraterin, die belastbare Partnerin oder die Person sind, die wir uns vornehmen, in der Welt zu sein.

Deshalb reden wir lieber über Hotels. Das tun wir aber nicht, weil uns die eigene Müdigkeit fremd wäre, sondern weil das Hotel sie verdeckt. Die Sprache ist nicht der Tarnumhang für das Gefühl. Sie ist der Tarnumhang für uns selbst, während wir das Gefühl haben.

Die französische Philosophin Simone Weil hat in einem Essay über das Lernen einen Satz formuliert, den ich immer wieder lese. Sie schrieb, die Fähigkeit, einem leidenden Menschen wirkliche Aufmerksamkeit zu schenken – ihn nicht zu deuten, nicht zu beraten, nicht zu trösten, sondern einfach zu fragen „Was ist es, das dich quält?“ – sei etwas sehr Seltenes und sehr Schwieriges. Beinahe ein Wunder, schrieb sie. Es ist ein Wunder.

Weil meinte mit Aufmerksamkeit keine Konzentration. Sie meinte etwas, das uns das eigene Selbstbild kostet. Um den Anderen wirklich zu sehen, müssen wir aufhören, an unser eigenes Bild zu denken. Wir müssen die kompetente Beraterin, die belastbare Partnerin, die kluge Frau für einen Moment zur Seite stellen. Genau das tun wir nicht, wenn wir analysieren. Wir analysieren, weil wir das Bild verteidigen. Und genau deshalb hört der andere bei uns nicht das, was er hören müsste.

Als mein Mann letzten Mittwoch zum dritten Mal ein Hotel auf dem Bildschirm öffnete und ich plötzlich, ohne es geplant zu haben, sagte „Ich komme gerade nicht mehr nach und ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll, ohne dass es klingt wie ein Vorwurf“, hat er nichts geantwortet. Er hat den Laptop nicht geschlossen, keine Lösung angeboten, kein „das wird schon“ gesagt. Er hat genickt. Nach einer Weile, vielleicht zwanzig Sekunden, hat er gesagt: „Ich auch“. Das war alles.

Lange hätte ich das für Sprachlosigkeit gehalten. Heute glaube ich, das war Weilsche Aufmerksamkeit. Er hat in diesem Moment auf den Reflex verzichtet, der eigene starke, lösungsorientierte Ehemann zu sein. Er hat dafür für zwanzig Sekunden mich gesehen, wie ich war. Müde, etwas verlegen, ohne Plan.

Was mache ich seitdem anders? Weniger, als ich gedacht hätte. Ich habe nicht angefangen, jedes Gefühl auszusprechen, das wäre weder erträglich noch klug. Aber drei Dinge haben sich verschoben.

Ich frage mich mitten in Gesprächen, die sich seltsam glatt anfühlen, ob es ein Wort gibt, das ich gerade nicht ausspreche. Manchmal finde ich es, manchmal nicht. Aber die Frage allein unterbricht den Mechanismus.

Ich habe außerdem aufgehört, meine schwierigen Gefühle so gut zu erklären. Ich versuche nicht mehr, sie verständlich zu machen, eine Geschichte um sie zu bauen, sie zu rechtfertigen. „Ich bin müde“ ist ein vollständiger Satz. „Ich habe Angst, etwas falsch gemacht zu haben“ ist ein vollständiger Satz. Die Analyse, warum und wieso und woher, ist meistens schon das Ausweichen.

Und drittens: Wenn jemand mir etwas Schwieriges sagt, versuche ich, zwanzig Sekunden lang nichts zu lösen. Das ist erstaunlich anstrengend. Mein ganzer Beruf besteht darin, Probleme zu lösen. Zwanzig Sekunden nichts zu tun, fühlt sich an wie eine Berufsverletzung. In Organisationen passiert dasselbe. Sobald das eigentliche Thema ausgesprochen ist, darf der Prozess wieder Prozess sein. Vorher ist er oft nur ein Stellvertreterkrieg mit Tagesordnungspunkt.

Wir haben den Urlaub übrigens gebucht. Am Garda-See, ein einfaches Hotel, mittelmäßiges Frühstück. Es war in vier Minuten entschieden. Vielleicht, weil das Hotel jetzt wieder das sein durfte, was es eigentlich ist: ein Hotel.