Warum wir Manipulation oft viel früher erkennen, als wir zugeben

Eine Klientin sagte mir letztes Jahr einen Satz, den ich nicht mehr losgeworden bin. Sie sprach über einen Kollegen, der sie seit Monaten zermürbte, und nach einer Stunde lehnte sie sich zurück und sagte beiläufig: „Eigentlich habe ich das schon nach der zweiten Woche gewusst.“ Sie sagte es nicht resigniert. Sie sagte es fast überrascht, als hätte sie es sich in diesem Moment zum ersten Mal eingestanden.

Wenn Sie schon einmal in einer Beziehung mit einem emotional manipulativen Menschen waren (beruflich oder privat), kennen Sie diesen Satz vermutlich. Wir lesen in der Literatur über emotionale Manipulation viel über das Erkennen. Die Warnzeichen, die roten Flaggen, die typischen Sätze. Es gibt unzählige Checklisten, ich habe selbst welche geschrieben. Aber wenn Sie die Menschen befragen, die in solchen Beziehungen waren, werden Sie selten hören, dass sie nichts gemerkt hätten. Sie werden im Gegenteil hören, dass sie es früh gewusst haben. Und trotzdem geblieben sind. Manchmal jahrelang.

Das ist eigentlich seltsam. Wenn wir vernünftige Wesen wären, müssten Wahrnehmung und Handlung ungefähr Hand in Hand gehen. Wir würden sehen, was schädlich für uns ist, und dann etwas dagegen tun. Tatsächlich gehören Erkennen und Handeln aber zu den am weitesten voneinander entfernten Dingen, zu denen Menschen fähig sind. Aristoteles hatte für dieses Phänomen einen Namen: Akrasia. In der Nikomachischen Ethik untersucht er den Zustand, in dem ein Mensch das Bessere klar erkennt, sich aber zum Schlechteren entscheidet. Akrasia wird oft mit „Willensschwäche“ übersetzt, aber das ist zu eng. Aristoteles meint etwas Genaueres: einen inneren Spalt zwischen dem Wissen und dem Tun, der für die Betroffenen selbst kaum zu überbrücken ist.

Akrasia ist nicht Dummheit. Es ist auch nicht Schwäche im umgangssprachlichen Sinn. Vielmehr ist es die spezifische menschliche Eigenart, mit einer Erkenntnis im Kopf weiterzuleben, ohne ihr zu folgen. Aristoteles unterscheidet sogar zwei Formen davon. Bei der einen reißt uns die Leidenschaft mit, bevor wir nachdenken können. Bei der anderen denken wir nach, sehen klar und tun trotzdem nicht, was wir sehen. Die zweite Form ist die interessantere. Sie ist auch die, die wir im Umgang mit manipulativen Menschen am häufigsten erleben.

Die Psychologie hat dafür inzwischen eigene Begriffe. Tali Sharot und Cass Sunstein haben 2020 ein Modell vorgeschlagen, wonach wir Informationen danach beurteilen, ob sie uns beim Handeln helfen, wie sie uns fühlen lassen und wie sehr sie unser Bild von der Welt verändern. Wenn das Gefühl den Nutzen überwiegt, meiden wir die Information, auch dann, wenn sie uns nützen würde. Wie weit das geht, zeigen Laborexperimente zur sogenannten Informationsvermeidung: Menschen verzichten dort auf einen Teil ihrer Auszahlung, nur um das Ergebnis eines medizinischen Tests nicht erfahren zu müssen. Und sie tun das umso entschiedener, je bedrohlicher das mögliche Ergebnis ist. Wir kaufen uns das Nichtwissen, manchmal teuer.

Wenn man das auf emotionale Manipulation überträgt, ergibt sich ein Bild, das die übliche Erzählung auf den Kopf stellt. Viele Menschen erkennen Manipulation nicht zu spät, weil sie zu naiv wären. Sie erkennen sie zu spät, weil das frühe Erkennen sie zu einer Entscheidung zwingen würde, der sie noch nicht gewachsen sind. Beziehung beenden, Mutter konfrontieren, Job kündigen, Projekt abgeben, also lauter teure Handlungen. Die Unschärfe ist nicht ein Defekt der Wahrnehmung. Sie ist der Preis dafür, noch nicht handeln zu müssen.

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen nicht nur innere Akrasia wirkt, sondern echte äußere Abhängigkeit: Geld, Macht, Kinder, Karriere, Krankheit, soziale Isolation. Dann ist Nicht-Handeln nicht mangelnde Klarheit, sondern manchmal Selbstschutz.

Das ist eine erleichternde Einsicht, finde ich, weil sie etwas wegnimmt, was viele Menschen sich nach einer solchen Erfahrung selbst vorwerfen: dass sie blind gewesen wären. Sie waren aber nicht blind. Überhaupt nicht. Sie waren akratisch und das ist nicht dasselbe. Akrasia ist nicht ein Versagen der Intelligenz, sondern ein typisches Kennzeichen reifer, in komplexen Bindungen stehender Erwachsener. Kinder sind selten akratisch in diesem Sinn, denn Akrasia braucht Geschichte, Investition, Pflicht.

Um aus der Akrasia herauszukommen, hilft, was Aristoteles selbst vorschlägt: Er sagte, dass nicht der Vorsatz, klüger zu sein, unterstützt, sondern die langsame Veränderung des Charakters durch wiederholte kleine Handlungen, die unser Wissen mit unserem Tun versöhnen. Was bei mir funktioniert, ist eine sehr kleine Übung: Wenn ich mich dabei ertappe, das Verhalten eines anderen Menschen zum dritten oder vierten Mal vor mir selbst zu erklären (wie „Sie meint das bestimmt nicht so“ oder „Er hat gerade so viel um die Ohren“), dann frage ich mich, was ich einer Freundin raten würde, die mir genau diesen Satz über genau diese Person sagt. Bei sich selbst hat man tausend Gründe, geduldig zu sein. Bei einer Freundin sieht man es sofort.

Das ist natürlich keine Lösung. Es ist nur eine Brücke über den akratischen Spalt. Aristoteles würde vermutlich sagen, dass solche kleinen Brücken, oft genug begangen, irgendwann zur Gewohnheit werden und Gewohnheit ist für ihn das, was Charakter ausmacht.

Eine zweite Sache, die ich gelernt habe, ist, dass es wenig Sinn ergibt, mit manipulativen Menschen über das Was zu streiten. Lange dachte ich, ich müsse beweisen, dass meine Wahrnehmung korrekt ist. Ich habe Mails archiviert, Daten verglichen, mir „Zeugen“ gesucht. Das hat mich erschöpft und nie etwas geklärt. Heute weiß ich, dass dieser Streit nicht mehr ein Gespräch über den Vorfall ist. Es ist ein Gespräch darüber, wer das Recht hat, die Wirklichkeit zu definieren. Diesen Streit kann man nicht gewinnen, weil das Gegenüber unbegrenzte Munition hat. Ich versuche es deshalb nicht mehr.

Und das Dritte: Ich habe aufgehört, mich an der Frage festzubeißen, ob jemand böse Absichten hat. Viele Menschen, die emotional manipulieren, halten sich selbst nicht für Manipulatoren. Sie leiden manchmal selbst sehr unter ihren Mustern. Das ist alles wahr und vollkommen irrelevant für die Frage, ob ich Zeit mit ihnen verbringen will. Die Absicht erklärt das Verhalten. Sie ändert nichts an seiner Wirkung auf mich.

Das Motiv ist übrigens kein rein westliches. In den buddhistischen Schriften findet sich eine verwandte Idee, manchmal mit dem Pali-Begriff moha beschrieben, die oft als Verblendung oder geistige Trübung verstanden wird. Im Zusammenspiel mit Anhaftung entsteht daraus genau jene Art von Unklarheit, in der wir nicht sehen, was wir eigentlich längst sehen könnten. Die Lösung ist im Buddhismus nicht, sich selbst zu verurteilen, sondern Aufmerksamkeit zu üben. Also ein langsames, geduldiges Hinschauen auf das, was wirklich geschieht, ohne sofort eine Geschichte darüberzulegen.

Ich glaube, das ist die eigentliche Arbeit im Umgang mit emotionaler Manipulation. Es geht nicht um das Erkennen, denn das passiert von selbst, früher, als wir zugeben. Es geht vielmehr um die Bereitschaft, dem schon Erkannten den Platz einzuräumen, der ihm zusteht. Und das noch bevor wir wissen, was wir damit anfangen werden.

Meine Klientin hat sich übrigens schließlich entschieden, das Projekt mit dem Kollegen abzugeben. Es hat sie Geld gekostet und einiges an Erklärungsbedarf. Als wir vor ein paar Wochen wieder miteinander sprachen, fragte ich sie, was sich am stärksten verändert habe. Sie überlegte lange, dann sagte sie: „Ich bin immer noch wütend auf mich. Aber weniger als vorher.“

Das fand ich ehrlicher als jede Erleichterung. Denn so fühlt sich ehrliche Selbsterkenntnis meistens an: nicht befreit, nicht aufgeräumt, sondern einfach ein bisschen leiser.


Über die Frage, warum wir das, was wir längst erkannt haben, so lange nicht zulassen, denke ich seit Jahren nach, auch beruflich. Ich habe daraus einen Online-Kurs gemacht: „Nicht mit mir!“ Es geht nicht nur um das Erkennen von Manipulation, sondern auch um das, was danach kommt: die Lücke zwischen Wissen und Handeln, und wie man sie Schritt für Schritt schließt. Wenn Sie das Thema bei sich kennen, finden Sie hier mehr dazu.