Es war nach sechs Uhr nachmittags, der zweite Workshop-Tag, und im Raum roch es nach kaltem Kaffee und dem Essen vom Mittag. Die meisten waren schon gegangen. Eine Frau blieb. Es war die Finanzleiterin, die seit zweiundzwanzig Jahren im Unternehmen war, präzise in allem, was sie tat. Sie ist von der Sorte, die Tippfehler in fremden Präsentationen bemerkt und nichts sagt. Sie räumte ihre Unterlagen zusammen, sehr ordentlich, und sagte dann, fast beiläufig, ohne mich anzusehen: „Wissen Sie, ich bin mit diesem Unternehmen groß geworden. Die Art, wie wir Dinge hier tun… das bin irgendwie ich.“
Sie lächelte dabei. Aber es war kein fröhliches Lächeln. Es war das Lächeln von jemandem, der gerade etwas zugegeben hat, was er sonst nicht ausspricht. Dann nahm sie ihre Tasche und ging.
Ich bin an diesem Abend noch eine Weile im leeren Raum sitzen geblieben. Denn was sie da gesagt hatte, klang wie eine Nebenbemerkung und war doch die ehrlichste Erklärung für ein Phänomen, gegen das ich seit Jahren beruflich antrete. Und das ich bis dahin gründlich falsch verstanden hatte.
„Das haben wir schon immer so gemacht.“
Diesen Satz zu bekämpfen ist ungefähr das, wofür ich bezahlt werde. Vorstände holen mich, damit ich ihn aus ihren Organisationen heraushebe wie einen Splitter. Und ich habe die übliche Erklärung jahrelang geteilt: Menschen wehren sich gegen Veränderung, weil sie bequem sind oder weil ihre Sturheit sich als Erfahrung verkleidet. McKinsey nennt seit Jahren die Zahl, dass rund 70% aller Transformationsprojekte scheitern, und als häufigsten Grund gilt menschliche Veränderungsresistenz. Ich habe diese Erklärung in Workshops verwendet, in Präsentationen, in Gesprächen mit Geschäftsführern, die wissen wollten, warum ihre Organisation sich verhält wie eine Katze, die man in eine Badewanne setzen will. Sie leuchtete immer ein. Sie war nur, wie ich seit jenem Abend glaube, falsch.
Aristoteles hat dem griechischen Wort für Gewohnheit, ethos, das Wort für Charakter entliehen: ēthos. Ein einziger Buchstabe Unterschied. Das war keine Nachlässigkeit. Wir werden nicht zu dem, was wir sind, durch das, was wir denken, schreibt er, sondern durch das, was wir wieder und wieder tun. Gewohnheiten sind nicht einfach Verhalten. Sie sind Charakter in geronnener Form. Sag mir, was du gewohnheitsmäßig tust, und ich sage dir, wer du bist.
Das klingt abstrakt. An jenem Abend, im Geruch von kaltem Kaffee, war es aber das Konkreteste der Welt.
Denn die Finanzleiterin sprach nicht über einen Prozess. Sie sprach über sich. Sie hatte zweiundzwanzig Jahre lang bestimmte Dinge auf bestimmte Weise getan, und diese Wiederholung hatte sich, Jahr um Jahr, in sie eingeschrieben. Die Routine war längst keine Methode mehr. Sie war Persönlichkeit geworden. Und genau das übersehen wir, wenn wir „Widerstand“ sagen. Wenn jemand sagt „Das haben wir schon immer so gemacht“, sagt er in Wahrheit: So bin ich. Und wenn ich dann komme und sage „Das muss sich ändern“, dann höre ich mich, aus seiner Perspektive, etwas ganz anderes sagen. Nämlich: Du musst aufhören, der zu sein, der du bist.
Das ist keine Bequemlichkeit. Das ist eine existenzielle Bedrohung. Kein Wunder, dass der Widerstand so heftig ausfällt. Wir glauben, wir optimierten einen Ablauf. Für den Menschen gegenüber kündigen wir an, dass von ihm bald etwas übrig bleiben soll, das er selbst nicht wiedererkennt.
Und bevor ich mich über die Finanzleiterin erhebe: Ich kenne diesen Satz von mir selbst. Ich habe ihn selbst immer wieder gesagt. In einem Meeting ist er mir herausgerutscht, mit der ruhigen Überzeugung von jemandem, der die Antwort kennt. Erst auf dem Heimweg fiel mir auf, was da aus mir herausgekommen war, ausgerechnet aus mir. Ich habe eine Weile gebraucht, um ehrlich zu beantworten, was ich da eigentlich verteidigt hatte. Es war nicht die Methode. Es war das Bild von mir selbst als jemand, die weiß, wie man das macht. Auch bei mir war die Routine nicht Trägheit. Sie war Identität.
Was mache ich seitdem anders? Ich eröffne Workshops nicht mehr mit der Frage „Was muss sich ändern?“. Ich frage stattdessen: „Wer wollen Sie in drei Jahren sein, als Team, als Abteilung, als Haus?“ Die Frage klingt weicher. Sie ist es nicht. Sie ist nur präziser, weil sie adressiert, was wirklich auf dem Spiel steht: nicht ein Prozess, sondern ein Selbstbild.
Und ich höre den Satz selbst anders. Wenn heute jemand in einer Runde sagt „Das haben wir schon immer so gemacht“, stelle ich innerlich nicht mehr die Frage „Wie überwinde ich das?“, sondern eine andere: „Was würde dieser Mensch verlieren, wenn sich das änderte?“ Und zwar nicht an Effizienz, sondern an sich selbst. Die Antwort darauf ist fast immer aufschlussreicher als jede Widerstandsanalyse. Sie sagt mir, was ich diesem Menschen geben muss, bevor ich ihm irgendetwas wegnehmen darf.
Denn das ist der Teil, den die Diagnose „Veränderungsresistenz“ verschweigt. Aristoteles wusste, dass man Menschen nicht durch Überzeugung verändert, sondern durch wiederholtes Handeln, also durch das langsame, geduldige Umschreiben dessen, was er hexis nannte, die erworbene Disposition. Man wird nicht anders, indem man anders denkt. Man wird anders, indem man anfängt, anders zu handeln, oft genug, bis das neue Tun beginnt, sich in Charakter zu verwandeln. Das braucht Zeit, die in unserer Welt niemand zu haben glaubt. Aber es ist die einzige Art von Veränderung, die hält.
Ich glaube, dass so viele Transformationen gar nicht daran scheitern, dass Menschen nicht wollen. Sie scheitern daran, dass wir ihnen etwas wegnehmen, ohne ihnen etwas zu geben, womit sie sich neu beschreiben können. Wir bitten sie, jemand anderes zu werden, und reichen ihnen dafür eine Prozesslandkarte.
Die Finanzleiterin habe ich Monate später wieder in einem Workshop getroffen. Und auch dieses Mal räumte sie ihre Unterlagen nicht gleich zusammen. Sie erzählte mir, dass sie in einem Meeting kürzlich zum ersten Mal nicht „Das haben wir schon immer so gemacht“ gesagt hatte, sondern: „Schauen wir, was passiert, wenn wir es anders machen.“ Nur einmal, nur ein Satz. Aber sie hatte ihn gesagt.
Wer bin ich, wenn ich das nicht mehr so mache wie immer? Das ist die eigentliche Frage. Und die hat meines Wissens noch nie jemand in einer PowerPoint beantwortet.

