Was zwei Minuten Warten an der Supermarktkasse über mich offenbarten

Letztens stand ich an der Supermarktkasse. Vor mir drei Personen, hinter mir niemand, vielleicht zwei Minuten Wartezeit. Ich habe sie genutzt, um eine E-Mail zu beantworten, die bis zum nächsten Morgen problemlos Zeit gehabt hätte.

Ich erzähle das nicht, weil es ungewöhnlich wäre. Ich erzähle es, weil es vermutlich vollkommen unauffällig ist. Wir alle tun das: an Bahnsteigen, im Wartezimmer, im Aufzug, am Sonntagvormittag „kurz“ zwischen Kaffee und Zeitung. Wir füllen jede leere Minute mit etwas Produktivem und wundern uns abends, warum wir uns fühlen, als hätten wir den ganzen Tag eine Last getragen, die nie schwer aussah.

Eine Frage, die mich seit Wochen nicht loslässt: Warum sind so viele Menschen heute so tief erschöpft, obwohl wir, statistisch gesehen, gar nicht mehr arbeiten als früher? Der OECD Employment Outlook 2024 zeigt für Europa seit zwei Jahrzehnten einen Rückgang der durchschnittlichen Arbeitsstunden. Gleichzeitig hat sich laut DAK-Psychreport die Zahl der Fehltage durch psychische Erkrankungen seit der Jahrtausendwende fast verdreifacht. Etwas passt da nicht zusammen.

Die naheliegende Antwort lautet, dass es an der Textur der Arbeit liegt, nicht an ihrer Menge. Früher hatte Arbeit eine Form. Man ging hin. Man kam zurück. Dazwischen gab es eine Tür. Heute gibt es nur noch ein Flackern auf einem Bildschirm, das sich nicht entscheidet, ob es Arbeit oder Privatleben ist. Diese Erklärung war jahrelang auch meine. Bis mir etwas auffiel, das ich nicht mehr wegerklären konnte.

Beim Gespräch mit Freunden war ich oft schon bei der Mail, die ich später beantworten musste. Wenn ich in einem Workshop saß, hat ein Teil von mir geprüft, welche Antwort die richtige war, ohne genau hinzuhören.

Wenn ich das ehrlich anschaue, dann ist das Problem nicht, dass ich zu viel arbeite. Das Problem ist, dass ich nirgendwo ganz war, auch nicht bei der Arbeit. Ich war irgendwie überall halb. Und halb anwesend zu sein, in jedem Moment des Tages, ist anstrengender als jedes Pensum.

Vor zwei Jahren ist ein lieber Bekannter von mir gestorben. Er war ein Mann, der sein ganzes Leben gearbeitet hatte. Verlässlich, ohne Klagen, mit einer Disziplin, die ich oft bewundert habe. In seinen letzten Wochen habe ich ihn besucht und gefragt, ob er etwas bereue. Ich hatte eine bestimmte Antwort erwartet, Sie wissen schon, die übliche, die man aus Büchern kennt. Stattdessen sagte er: „Ich bereue nicht, dass ich gearbeitet habe. Ich bereue, dass ich nie richtig da war.“

Damals dachte ich, er meinte, dass er nicht oft genug zu Hause war. Inzwischen verstehe ich, dass er etwas anderes meinte. Er war physisch zu Hause, am Wochenende war er beim Mittagessen, an den Geburtstagen feierte er mit. Aber er war nur nicht dort, wo er war. Er hat sein Leben lang in einem zweiten Raum existiert, in dem die Arbeit weiterlief, auch wenn er gerade nicht arbeitete. Und dieser zweite Raum hat den ersten leergeräumt.

Das ist die unbequeme Frage, auf die ich nicht vorbereitet war: Warum können wir eigentlich nicht einfach wirklich ganz da sein, wo wir sind? Natürlich sind viele Menschen real überlastet. Schlechte Strukturen, zu wenig Personal und ständige Erreichbarkeit sind nicht eingebildet. Aber etwas daran ist unbequem: Wir sind nicht nur Opfer der Arbeit. Manchmal sind wir auch Komplizen unserer eigenen Zerstreuung.

Blaise Pascal hat im 17. Jahrhundert einen Satz formuliert, der das ganze gut auf den Punkt bringt: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“. Pascal war nicht der Meinung, dass Bewegung schlecht ist. Er meinte damit, dass wir vor der Stille fliehen, weil wir uns dort selbst begegnen müssten. Und das ist offenbar für viele von uns manchmal die unangenehmere Option als jeder volle Terminkalender.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann war meine ständige Halb-Anwesenheit kein Versehen. Sie war mehr eine Strategie. Solange ich mit einem Bein schon im nächsten Moment war, musste ich diesen hier nicht ganz spüren. Solange ich an der Kasse Mails beantworte, muss ich nicht stehen. Solange ich beim Essen an morgen denke, muss ich nicht schmecken. Solange irgendwo ein Bildschirm flackert, muss ich nicht im Moment sein.

Was mir geholfen hat (sicher nicht perfekt, aber merklich), sind ein paar kleine Veränderungen, die unspektakulär klingen und es vielleicht auch sind:
Ich habe angefangen, dem Wort kurz zu misstrauen. „Kurz eine Mail checken“ oder „Kurz nur etwas nachsehen“. Jedes kurz in meinem Vokabular ist inzwischen eine Verdachtsperson. Es ist fast immer eine Lüge an mich selbst, mit der ich aus dem Moment heraustrete, in dem ich gerade bin. Es bedeutet nie kurz im Sinne der Zeit. Es bedeutet vielmehr, dass ich gerade nicht hier sein will.

Ich habe auch aufgehört zu glauben, dass jede E-Mail meine beste Antwort verdient. Manche verdienen eine gute. Manche eine ausreichende. Manche eine, die schlicht zeigt: gelesen, verstanden, weiter. Die Perfektion in jeder Kleinigkeit ist der Feind der Lebensqualität. Und oft genug auch der Vorwand, den wir brauchen, um nicht aufzuhören und uns nicht selbst zu begegnen.

Ich habe mein Handy um 19 Uhr in einen anderen Raum gelegt. Nicht lautlos, nicht umgedreht, sondern ausgeschaltet und außer Reichweite. Die physische Distanz schafft eine psychologische, die ich allein nicht hinbekomme. Solange das Gerät neben mir liegt, greife ich in Gedanken immer wieder hin, um kurz etwas nachzusehen. Ich beantworte in Gedanken schon die Mail, die noch gar nicht da ist.

Und ich habe angefangen, Wartezeiten leer zu lassen. An der Kasse, im Aufzug, am Bahnsteig, beim Zähneputzen. Das tue ich aber nicht aus Tugend, sondern aus Neugier, was passiert, wenn ich es einmal nicht fülle. Anfangs war es unangenehm. Inzwischen sind diese leeren Minuten der Teil meines Tages, in dem mir am häufigsten ein Gedanke kommt, von dem ich vorher nicht wusste, dass ich ihn hatte.

Diese Veränderungen sind keine endgültige Lösung. Sie sind eine Übung darin, wirklich dort zu sein, wo ich bin. Dass ich eine Sache nach der anderen mache, und zwar mit vollem Bewusstsein. Was unfassbar simpel klingt und trotzdem in der Praxis fast jede digitale Gewohnheit der letzten zwanzig Jahre durchkreuzt..

Vorgestern stand ich wieder an einer Supermarktkasse. Vor mir vier Personen, hinter mir zwei. Ich habe das Handy in der Tasche gelassen und auf die Schlagzeile der Kassenzeitschrift gestarrt. Sie war nicht interessant, ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern. Es waren wohl die langweiligsten drei Minuten der Woche.

Und vermutlich die einzigen, in denen ich auch wirklich dort war, wo ich stand.