In meinem Arbeitszimmer steht ein Regal, das ich aus dem Bild drehe, bevor ich einen Videocall beginne. Ganz hinten darin steht ein Einmachglas mit einem Sauerteig, den ich Günther genannt und dann still verhungern lassen habe. Günther starb aber nicht an grober Vernachlässigung. Er starb an dem Tag, an dem das tägliche Füttern aufhörte, ein Experiment zu sein, und anfing, eine Pflicht zu werden. Daneben lauter Anfänge: Bücher mit Lesezeichen, meistens rund um die Seite vierzig. Mein Mann nennt das Regal „den Friedhof“. Er fragt längst nicht mehr, was ich Neues anfange. Er fragt nur noch, wie lange es diesmal hält.
Vermutlich gibt es so einen Ort auch bei Ihnen: Vielleicht ist es eine Sprachlern-App, die Sie seit vierhundert Tagen nicht geöffnet haben, oder eine Gitarre, vielleicht auch ein halb fertiger Onlinekurs. Und vermutlich erzählen Sie sich darüber eine ähnlich schmeichelhafte Geschichte, wie ich sie mir jahrelang erzählt habe: Ich bin eben neugierig, breit interessiert, ich verbinde Dinge, die andere getrennt lassen. Die Literatur gab mir sogar recht: In einer komplexen Welt werden am Ende nicht die Spezialisten gewinnen, sondern die mit dem weiten Blick. Die Generalistinnen. Die Füchse.
Es gibt ein altes Bild dafür. Der griechische Dichter Archilochos hat einen einzigen Vers hinterlassen: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.“ Der britische Philosoph Isaiah Berlin hat daraus 1953 einen berühmten Essay gemacht. Igel kennen eine zentrale Idee und ordnen ihr alles unter. Füchse jagen viele Ziele auf einmal und misstrauen den großen Antworten. Ich habe mich beim Lesen sofort als Fuchs erkannt und war sehr zufrieden mit mir.
Was kaum jemand erwähnt, der diesen Essay zitiert: Berlin hat ihn nicht zum Lob des Fuchses geschrieben. Er hat ihn über Tolstoi geschrieben. Seine eigentliche These war, dass Tolstoi ein Fuchs war, der mit aller Kraft ein Igel sein wollte. Ein Mensch von enormer Vielseitigkeit, der genau diese Vielseitigkeit für eine Schwäche hielt und sein Leben lang nach der einen großen Wahrheit suchte, die er nie fand. Der Essay ist keine Hymne. Er ist die Beschreibung eines Risses.
An diesem Riss bin ich hängengeblieben. Falls Sie ihn aus der eigenen Biografie kennen, sind Sie immerhin in guter Gesellschaft, und zwar in der von Tolstoi. Aber der eigentliche Friedhof steht eben nicht in meinem Arbeitszimmer. Er steht in meinem Lebenslauf. Bevor es Design Thinking gab, wollte ich Ärztin werden. Davor wollte ich Ausstellungen kuratieren. Und dazwischen wollte ich mit Menschen gezielt an dem arbeiten, was sie verändern wollen. Jede dieser Wendungen hatte einen guten Grund. Und das ist das Problem.
Manche Gründe sind wirklich gut. Die Medizin habe ich aufgegeben, weil ich kein fremdes Blut sehen kann, also nicht im übertragenen Sinn, sondern im handfesten „ich-werde-ohnmächtig-Sinn“. Das ist keine Flucht, sondern ein Befund. Es gibt Dinge, die zu Recht im Regal liegen, und das gehört dazu. Ich erzähle es, weil es für den Rest wichtig ist: Nicht jeder Abbruch ist ein Weglaufen. Sonst wäre dieser ganze Text nur ein verkleideter Selbstvorwurf, und das wäre zu billig.
Aber dann ist da die Sache, die schwerer zuzugeben ist. Ich habe das Propädeutikum gemacht, den ersten Teil der Psychotherapie-Ausbildung in Österreich, und die Spezialisierung dann nicht zu Ende geführt. Mein Grund klang gut, er klingt heute noch gut: Ich wollte, dass sich bei Menschen wirklich etwas verändert, und zwar schnell. Es hat Jahre gedauert, bis ich zugeben konnte, dass unter diesem edlen Grund etwas weit weniger Edles lag. Veränderung ist langsam. Sie ist meistens unspektakulär, sie besteht zu großen Teilen aus geduldigem Dranbleiben, während sehr lange nichts zu passieren scheint. Genau dafür hatte ich keine Geduld. Ich wollte das Ergebnis, nicht den langen Weg dorthin. Ich habe mir das als Tatkraft erklärt. In Wahrheit war es Ungeduld.
Das ist, nebenbei, dieselbe Geduld, die ich in meinem heutigen Beruf erst lernen musste, mühsam, gegen meine Natur. Vielleicht erkenne ich Ungeduld bei anderen deshalb so schnell. Ich kenne sie so gut von innen.
Das ist die unbequeme Pointe für jemanden, der gerne neugierig genannt wird: Mein eigentliches Talent war nie die Breite, sondern der gut sitzende Grund. Ich konnte jeden Ausstieg so begründen, dass er nach Reife aussah, nach Klarheit, nach einer mutigen Entscheidung, und nicht nach dem, was er oft auch war: ein eleganter Ausgang, kurz bevor es ernst wurde. Kurz bevor man mich an jemandem hätte messen können, der die Sache wirklich kann. Von außen sehen das Talent des Fuchses und die Fluchttür exakt gleich aus. Manchmal auch von innen.
Die Psychologin Angela Duckworth hat über Jahre untersucht, wer bei schwierigen Zielen bleibt und wer aussteigt. Ihr unbequemster Befund: Wie sehr uns etwas interessiert, sagt darüber erstaunlich wenig. Viel wichtiger ist, was jemand tut, wenn das Interesse nachlässt. Genau an dieser Stelle trennt sich Breite von Rastlosigkeit, und genau diese Stelle habe ich jahrzehntelang elegant umschifft.
Bei Klientinnen und Klienten sehe ich beide Sorten, und sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Der eine erfindet sich alle anderthalb Jahre neu und nennt es Agilität. Dann ist es eine neue Branche, neue Methode, neues Vokabular, immer einen Schritt voraus, immer kurz bevor jemand die fehlende Tiefe bemerkt. Die andere hat irgendwann einmal eine einzige Sache wirklich zu Ende gelernt, bis es weh tat, und bewegt sich jetzt seitlich durch viele Felder, aber mit dieser einen Tiefe in der Tasche. Der Unterschied ist nicht, wie viel jemand kann, sondern ob er auch nur ein einziges Mal den Preis der Meisterschaft bezahlt hat. Erst danach ist Breite eine Wahl. Vorher ist sie nur Rastlosigkeit mit einer guten Presseabteilung.
Ich weiß das, weil es bei mir am Ende doch eine Sache gab, die ich nicht abgestellt habe. Design Thinking begleitet mich seit über fünfzehn Jahren, und die ersten Jahre waren leicht, weil alle es leicht fanden. Dann kam die Phase, in der es Mode wurde, danach die, in der man müde die Augen verdrehte, wenn jemand das Wort sagte. Genau in diesen Jahren wäre der elegante Ausstieg zum Greifen nah gewesen, und ich hatte den Grund auch schon fertig im Kopf: Dass die Methode überstrapaziert sei, dass es Zeit für etwas Neues wäre. Der Grund klang gut. Er klang wie alle meine guten Gründe. Geblieben bin ich trotzdem, und zwar nicht aus Treue, sondern weil ich in diesen langweiligen Jahren zum ersten Mal gemerkt habe, dass die Methode ohne die Psychologie dahinter nur bunte Klebezettel sind. Diese Einsicht hätte ich in der Begeisterungsphase nie gehabt. Sie liegt hinter dem Punkt, an dem die Neugier aufhört. Menschen zu lesen, war die einzige Fähigkeit, die ich nie neu anfangen musste. Die hatte ich, bevor ich wusste, dass es dafür Berufe gibt.
Ich habe deshalb aufgehört, mich zu fragen, ob mich etwas interessiert. Das ist keine brauchbare Information, denn dafür interessiert mich zu viel. Das ist ja gerade die Falle. Ich frage stattdessen, ob ich die Sache selbst liebe oder nur den Anfang. Die ehrliche Antwort lautet oft, dass es nur der Anfang ist.
Und ich habe mir angewöhnt, wenigstens an einer einzigen Stelle dranzubleiben, über den Punkt hinaus, an dem es aufhört, Spaß zu machen, und anfängt, Arbeit zu sein. Nicht überall, das wäre für mich kein Leben, sondern an einer Stelle. Bei mir ist es diese eine geworden, eher zufällig als geplant. Aber sie ist der Maßstab für alles andere, weil ich dort weiß, wie sich die langen zehn Prozent anfühlen, die die Neugier allein nie erreicht.
Falls Sie demnächst wieder vor einem Ausstieg stehen, probieren Sie eine dritte Frage: Würde Ihr Grund auch dann noch gelten, wenn ihn niemand zu hören bekäme? Gute Gründe überzeugen ein Publikum. Wahre Gründe brauchen keines.
Günther, den Sauerteig, habe ich übrigens nicht wieder angesetzt. Manche Dinge gehören tatsächlich ins Regal, und kein noch so guter Wille ändert das.
Die Kunst ist nicht, alles zu Ende zu bringen. Ich glaube, das ist nur eine andere, jüngere Lüge. Die Kunst ist, ehrlich zu unterscheiden, was zu Recht hinten im Friedhof-Regal steht und was ich nur dorthin gestellt habe, weil das Weiterführen mich etwas gekostet hätte, das ich nicht zahlen wollte. Das Regal bleibt, wo es ist. Ich schiebe es nur nicht mehr ganz so schnell aus dem Bild.

