Warum ich Kritik von Menschen ernst nehme, die ich nicht ernst nehme

Vor einigen Jahren sagte ein Tischnachbar auf einer Geburtstagsfeier zu mir: „Ach, Sie machen diese Gefühlssachen für Firmen.“ Ich habe gelacht und mir Nachschlag geholt.

Der Mann war harmlos. Er hielt Wirtschaftspsychologie für eine Mischung aus Räucherstäbchen und Teambuilding, und er sagte „Gefühlssachen“ in dem Ton, in dem andere Leute „Steuernachzahlung“ sagen. Nichts an ihm ließ vermuten, dass er sein Urteil je an der Wirklichkeit überprüft hatte. Ich nahm ihn nicht ernst. Genau das schien mich zu schützen: Von dem lasse ich mir nichts sagen. Der Satz war erledigt, bevor der Nachtisch kam.

Sie kennen sicherlich auch solche Sätze. Der Schwager, der Ihre Selbstständigkeit „mutig“ findet, in einem Ton, der eigentlich „leichtsinnig“ meint. Die Kollegin, die von Ihrem Fachgebiet nichts versteht, aber sicher weiß, dass „das heute keiner mehr braucht“. Man winkt ab, man lächelt, man wechselt das Thema. Erledigt.

Ein paar Wochen nach dieser Feier saß ich an den Folien für eine Präsentation. Ich war fast fertig, als ich bemerkte, was ich da gerade tat: Ich hatte das Wort „Empathie“ von einer Folie gelöscht und durch „Stakeholder-Alignment“ ersetzt. Ein Wort, das noch nie einen Menschen zu irgendetwas bewegt hat. Damit es seriöser wirkt, dachte ich. Aber für wen? Die Vorständin hatte mich wegen des Wortes Empathie engagiert.

Der Zweifel fühlte sich an wie meiner. Er klang wie ich, er sprach mit meiner Stimme, er saß an der Stelle, an der sonst mein Urteilsvermögen sitzt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich den tatsächlichen Absender zuordnen konnte. Es war der Tischnachbar von damals. Sein Satz war zurückgekommen, nur ohne ihn.

Ich hatte lange geglaubt, Verachtung sei eine Art Schutz. Wen ich nicht ernst nehme, dessen Meinung kann mich nicht erreichen. Inzwischen glaube ich, dass es genau umgekehrt ist. Die Abwertung ist keine Tür, die zufällt, sondern eine, die offen bleibt. Denn was ich ernst nehme, prüfe ich. Ich drehe es um, halte es gegen meine Erfahrung, widerspreche oder stimme zu, und dann lege ich es ab, mit einem Urteil versehen. Was ich verächtlich abtue, prüfe ich nicht ein einziges Mal. Es wandert einfach ungeprüft ins Archiv. Und mein Gedächtnis vergisst als Erstes das Etikett.

Es wäre tröstlich, wenn das nur mir passierte. Anscheinend tut es das nicht. Die Psychologen Carl Hovland und Walter Weiss legten ihren Versuchspersonen Anfang der Fünfzigerjahre einen Artikel über atomgetriebene U-Boote vor, für alle denselben Text. Die einen glaubten, er stamme von Robert Oppenheimer. Die anderen hielten ihn für einen Beitrag aus der Prawda, dem Parteiblatt der sowjetischen Kommunisten. Direkt nach dem Lesen überzeugte die Prawda erwartungsgemäß niemanden. Vier Wochen später war der Unterschied fast verschwunden.

Der Effekt wird seither Sleeper-Effekt genannt und er ist ein launisches Phänomen. Spätere Metaanalysen fanden ihn nur unter recht engen Bedingungen. Aber die Beobachtung dahinter erkenne ich in meinem eigenen Kopf wieder. Der Satz bleibt liegen, aber wer ihn gesagt hat, verblasst.

Friedrich Nietzsche hat das Vergessen verteidigt wie kaum jemand vor ihm. Vergesslichkeit sei „ein aktives, im strengsten Sinne positives Hemmungsvermögen“, schrieb er in der „Genealogie der Moral“, eine Türwärterin der seelischen Ordnung, ohne die es kein Glück und keine Gegenwart gäbe. Ich glaube, er hat recht. Nur arbeitet diese Türwärterin nach eigenen Regeln: Sie wirft den Absender hinaus und lässt den Satz sitzen bleiben.

Was ich seitdem anders mache: Wenn ein Zweifel plötzlich auftaucht (also nicht gewachsen, sondern einfach da, wie ein Möbelstück, das über Nacht in der Wohnung steht), frage ich mich zuerst, wessen Satz das eigentlich ist. Ich suche sozusagen rückwärts nach dem Absender. Erstaunlich oft finde ich dazu ein Gesicht. Und mit dem Gesicht kommt das Urteil zurück, das ich damals hätte fällen sollen.

Ich habe außerdem aufgehört, abfällige Bemerkungen mit einem Lachen zu erledigen. Ich prüfe sie kurz, im Moment, und zwar ganz ernsthaft. Und dann verwerfe sie ganz bewusst. Manches Mal formuliere ich es sogar innerlich aus: Das stimmt nicht, und zwar deshalb. Was einmal geprüft wurde, kommt seltener zurück. Es ist der ungeprüfte Rest, der wandert.

Bei Klientinnen und Klienten fällt mir seither etwas auf, dass die hartnäckigsten Selbstzweifel selten von den Menschen stammen, die ihnen wichtig sind. Die Kritik des geschätzten Mentors kennen sie Wort für Wort, samt Absender und Datum, und sie haben sie längst eingeordnet. Was sie nachts wachhält, ist der halbe Satz eines Menschen, dessen Namen sie vergessen haben. Wenn ich das ausspreche, entsteht oft eine Pause. Dann fällt jemandem ein Gesicht ein.

Der Tischnachbar von damals weiß von alldem nichts. Wir haben uns nie wiedergesehen, und ich vermute, er sagt „Empathie“ immer noch in dem Ton, in dem andere Leute „Steuernachzahlung“ sagen. Aber das Wort steht wieder auf meinen Folien. Und wenn demnächst ein Zweifel auftaucht, der klingt wie ich, dann sehe ich zuerst einmal nach, ob er einen Absender hat.