Der Mann und das Chamäleon

In einem Kunstmuseum in Connecticut wurden Besucherinnen und Besucher vor einigen Jahren durch eine Führung geschleust, bei der ihnen vorgegeben wurde, welche Objekte sie nur ansehen und welche sie fotografieren sollten. Am nächsten Tag prüfte die Psychologin Linda Henkel, woran sie sich erinnerten.

An die fotografierten Objekte erinnerten sich die Probanden schlechter. Sie merkten sich weniger Details und insgesamt auch weniger Gegenstände, und sie wussten seltener, wo im Museum etwas gestanden hatte. Die Ergebnisse waren jetzt nicht dramatisch schlechter, aber verlässlich. Henkel nennt das den Photo-Taking-Impairment-Effekt: Wer die Kamera für sich erinnern lässt, muss selbst nicht mehr hinsehen.

Hand aufs Herz: Wie viele Fotos haben Sie in diesem Sommer gemacht? Mein Telefon baut mir aus meinen gelegentlich unaufgefordert eine Diashow mit Musik. Eine davon heißt „Sommerfreude“ und sie enthält verwackelte Fotos einer Tiefgarage.

An dieser Stelle kommt normalerweise die Ermahnung, die regelmäßig jeden Sommer kommt: Legen Sie das Handy weg, seien Sie präsent, erleben Sie den Moment, statt ihn zu speichern. Ich muss dazu etwas gestehen. Ich lebe nicht nur nach dieser Regel, ich habe mich bis zu diesem Artikel ziemlich gut dabei gefühlt.

In unserer Ehe ist die Arbeit nämlich klar verteilt. Mein Mann fotografiert. Ich schaue. Und er fotografiert nicht etwa Aussichten, sondern Details, allen voran Laternen, mit einer Ausdauer, die ich lange für eine kleine Störung gehalten habe. Dazu den Rost an einem Geländer, ein Türschloss, die Fugen zwischen zwei Bodenplatten, einmal ein Chamäleon, ungefähr eine halbe Stunde lang. Wir besitzen inzwischen vermutlich eine der vollständigsten privaten Laternensammlungen in Mitteleuropa. Währenddessen stehe ich daneben, sehe mir die ganze Szene an, atme die Landschaft ein und denke mir, dass einer von uns beiden hier gerade wirklich da ist.

Falls Sie in Ihrer Beziehung eine ähnliche Rollenverteilung haben und ähnlich denken: Sie sind in guter Gesellschaft, und wir liegen gemeinsam falsch.

Henkels zweite Studie hat nämlich eine Bedingung hinzugefügt. Diesmal sollten manche Teilnehmer nicht das ganze Objekt fotografieren, sondern in ein bestimmtes Detail hineinzoomen. Ein Gesicht auf einem Gemälde, eine Hand, eine Inschrift. Bei diesen Teilnehmern verschwand der Gedächtniseffekt vollständig. Sie erinnerten sich so gut wie die Gruppe ohne Kamera, und zwar auch an die Teile des Objekts, die gar nicht im Bild waren.

Ich habe diesen Absatz zweimal gelesen, in der Hoffnung, mich verlesen zu haben.

Denn das heißt, dass mein Mann mit dem Chamäleon den besseren Nachmittag gehabt hat. Aber das kam nicht daher, dass er fotografiert hat, sondern weil er sich bei jedem einzelnen Bild entscheiden musste, was ihn interessiert. Die Kamera war nie das Problem. Das Problem ist, sie zu benutzen, ohne dabei irgendetwas auszuwählen und, wie sich herausstellt, auch das Herumschauen, ohne dabei irgendetwas auszuwählen. Das eine sieht wohl nur professioneller aus.

Die Probe darauf ist zu Hause leicht zu machen und für mich mäßig erfreulich ausgegangen. Er kann Ihnen die Laterne beschreiben, die vor dem Haus stand, in dem wir vor drei Jahren gewohnt haben, samt der Art, wie der Mast am Fuß gebrochen war. Ich kann Ihnen sagen, dass es dort schön war. Vermute ich zumindest.

Susan Sontag hat 1977 über das Fotografieren geschrieben, es sei eine Art, sich der Erfahrung zu versichern und sie gleichzeitig zu verweigern. Sie sagt, man bestätigt, dass man da war, und muss deshalb nicht mehr da sein. Ich habe diesen Satz jahrelang wie eine Munitionskiste benutzt. Inzwischen denke ich, er trifft nicht das Gerät, sondern die Bequemlichkeit dahinter: Solange ich nichts auswähle, muss ich nicht beantworten, was mich hier eigentlich interessiert. Diese Frage lässt sich mit einer Kamera unendlich vertagen. Man kann sie aber genauso gut mit einem Panoramablick vertagen, was ich hiermit für die Nachwelt festhalte.

Und weil Sie ahnen, dass ich damit nicht bei Urlaubsfotos bleiben werde: Genau dasselbe passiert vermutlich auch in Ihren Besprechungen, nur in größerem Maßstab.

Psychologen haben vor einigen Jahren gezeigt, dass Menschen sich Informationen schlechter merken, wenn sie wissen, dass diese gespeichert werden und jederzeit abrufbar bleiben. Was sie sich stattdessen sehr gut merken, ist der Ort, an dem das Gesuchte liegt. Das Gehirn tut also genau das, was man von einem gut organisierten Menschen erwartet: Es delegiert.

Inzwischen arbeitet in fast jeder Besprechung ein Aufzeichnungsdienst mit. Alles wird transkribiert, zusammengefasst, abgelegt und ist durchsuchbar. Das ist auf den ersten Blick ein Fortschritt, und in mancher Hinsicht ist es das auch. Was mir bei Kunden inzwischen regelmäßig begegnet, ist die Kehrseite: Organisationen verfügen über lückenlose Aufzeichnungen von allem, was gesagt wurde, und erinnern sich an weniger als je zuvor.

Vor Kurzem saß ich in einem Termin, in dem jemand fragte, warum man sich damals eigentlich für diesen Anbieter entschieden hatte. Es entstand die Pause, die in solchen Momenten so oft entsteht. Dann sagte der Bereichsleiter, das stehe im Protokoll, und begann zu suchen. Er fand 40 Seiten Wortlaut und eine automatische Zusammenfassung, in der alles vorkam, aber nichts gewichtet war. Vorgelesen hat er am Ende einen einzigen Satz. Er lautete „Man habe die Vor- und Nachteile ausführlich diskutiert“.

Was niemand mehr fand, war die Überlegung. Warum diese Option und nicht die andere. Was der eigentliche Einwand war. Wer im Raum ein ungutes Gefühl hatte und es dann doch heruntergeschluckt hat. Diese Dinge stehen nirgends, weil sie niemand gewichtet hat. Und niemand hat sie gewichtet, weil ja alles aufgezeichnet wurde.

Es kommt noch etwas dazu, das schwerer zu messen und leicht zu beobachten ist. Wer weiß, dass mitgeschnitten wird, hört anders zu. Man muss nicht mehr mitdenken, um etwas mitzubekommen. In Workshops erkenne ich das daran, dass weniger nachgefragt wird als früher. Neulich hat mir jemand nach zwei Stunden gesagt, er habe alles verstanden und werde es sicherheitshalber noch einmal nachlesen. Ich bezweifle allerdings, dass beides gleichzeitig stimmt.

Was dagegen hilft, ist keine Technikabstinenz. Es ist eine Auswahlpflicht. Bei mir hängt inzwischen alles an einer einzigen Frage, und sie dauert zwei Sekunden: Was genau interessiert mich hier gerade? Vor dem Auslösen, vor dem Mitschreiben, vor dem Speichern. Diese Frage ist überraschend schwer zu beantworten, und das ist kein Nebeneffekt, sondern der ganze Mechanismus. Solange Sie sie nicht beantworten können, sammeln Sie nur.

In Besprechungen hat sich daraus die brauchbarste Gewohnheit ergeben, die ich in den letzten Jahren übernommen habe. Am Ende schreibt jede Person für sich drei Sätze auf: welche Entscheidung getroffen wurde, was sie daran beunruhigt, was sie als Nächstes tut. Drei Sätze, nicht mehr, per Hand oder in den Chat. Das Transkript läuft weiter, es geht nicht darum, es abzuschaffen. Es geht darum, dass zehn Menschen einmal kurz entscheiden mussten, was in dieser Stunde wichtig war. Wenn Sie das ein paar Wochen machen, werden Sie feststellen, dass diese Zettel häufiger gelesen werden als jede automatische Zusammenfassung, und dass sie sich bei denselben Fragen erschreckend oft unterscheiden.

Und es lohnt sich, einmal nachzusehen, wo Sie sonst noch vollständig statt ausgewählt speichern. Screenshots, Lesezeichen, gespeicherte Artikel, geteilte Ordner mit Dingen, die jemand später lesen wollte. Bei mir waren es die Besprechungsnotizen, und das war der unangenehmste Fund, weil ich mir darauf immer etwas eingebildet hatte.

Seit diesem Sommer frage ich meinen Mann, während er fotografiert, was er da eigentlich sieht. Er erklärt es dann, meistens ausführlicher als unbedingt nötig, und ich stehe daneben und sehe Dinge, an denen ich vermutlich sonst vorbeigegangen wäre.

Die billigste Art, an fremder Aufmerksamkeit teilzunehmen, ist, dass ich einfach frage, was der andere gerade ansieht.