(02.11.) Warum uns ausgerechnet die Kollegin ärgert, die um vier geht

Exzerpt: Wir halten unseren Ärger über andere gern für Menschenkenntnis. Dabei sucht er sich seine Ziele mit einer Treffsicherheit aus, die eigentlich verdächtig ist. Was das mit einem Eisbären aus dem Jahr 1863 zu tun hat und welche Frage ich mir seither stelle, wenn mich etwas mehr ärgert, als es eigentlich sollte, steht im heutigen Montagsimpuls.

—

Die Geschäftsführerin hatte mich gebeten, mit ihr einen Nachmittag lang über die Strategie fürs kommende Jahr nachzudenken. Nach einer Stunde wusste ich über diese Strategie noch nicht viel, über ihre Kollegin in der Geschäftsführung dafür umso mehr, vor allem, dass sie jeden Tag um vier nach Hause geht.

Das Thema tauchte immer wieder auf: mal als Beispiel, mal als kleine Abschweifung mitten in einem ganz anderen Gedanken. Die Kollegin sei in derselben Position wie sie, trage dieselbe Verantwortung, und trotzdem sei sie um vier weg, jeden Tag, ohne dass sich irgendjemand daran störe. Und jedes Mal schob die Geschäftsführerin rasch hinterher, sie gönne es ihr natürlich. Sie sagte das so oft, dass ich irgendwann anfing mitzuzählen.

Vielleicht kennen Sie so jemanden. Einen Menschen, dessen Verhalten Sie im Grunde nichts angeht und der Sie trotzdem zuverlässig beschäftigt, auf dem Heimweg und manches Mal noch beim Abendessen. Wer ist bei Ihnen die Kollegin, die um vier geht? Falls Ihnen jetzt sofort jemand einfällt, darf ich Sie beruhigen, denn über andere zu urteilen gehört zu den Dingen, die wir am mühelosesten tun, und meistens bemerken wir es nicht einmal.

Die Psychologie hat dafür auch eine gut belegte Erklärung. Der amerikanische Psychologe Thomas Ashby Wills hat 1981 beschrieben, was seither als Downward Comparison bekannt ist, also ein Vergleich nach unten: Gerät unser Selbstwert unter Druck, suchen wir uns jemanden, der schlechter dasteht als wir, und wenn gerade niemand zur Hand ist, helfen wir ein wenig nach und machen jemanden kleiner, als er ist. Das funktioniert sogar ganz gut, zumindest für einen Moment. Wer abwertet, fühlt sich kurz größer, und wir tun es bevorzugt dann, wenn wir uns ohnehin unsicher oder bedroht fühlen, als eine Art Trostpreis für die Tage, an denen wir uns selbst nur schwer ertragen.

Ich habe diese Erklärung jahrelang in Trainings erzählt und auch auf der einen oder anderen Bühne. Sie ist gut belegt und hat einen angenehmen Nebeneffekt, denn man fühlt sich beim Urteilen gleich ein bisschen weniger schäbig. Es ist ja nur Selbstwertregulation, da kann man nichts dagegen tun...

Wer sich ein wenig mehr mit Psychologie beschäftigt hat, kennt meist noch eine zweite Erklärung, und die ist sehr viel älter. In der Bergpredigt fragt Jesus, warum man den Splitter im Auge des Bruders sieht, den Balken im eigenen Auge aber nicht bemerkt. Seit Freud nennt die Psychologie das Projektion, und in unzähligen Ratgebern steht heute eine Variante davon: Was dich am anderen stört, trägst du selbst in dir. Wir verurteilen an anderen unsere eigenen Fehler, einfach weil sie dort weniger wehtun.

An diesem Nachmittag hat mir allerdings keine der beiden Erklärungen weitergeholfen. Die erste sagt, warum wir urteilen, aber kein Wort darüber, worüber. Und nach der zweiten hätte die Geschäftsführerin selbst heimlich um vier gehen müssen, dabei war sie, soweit ich das beurteilen kann, regelmäßig die Letzte im Haus. Ihr Ärger war auch alles andere als wahllos. An der Kollegin hätte sich manches finden lassen, ihre Zahlen etwa oder ihr Führungsstil, und doch hatte er sich aus all diesen Möglichkeiten genau eine einzige ausgesucht: Dass eine Frau in derselben Position, mit derselben Verantwortung, sich das Gehen erlaubt und offenbar nicht daran zugrunde geht.

Man könnte das Neid nennen, und ich glaube, das wäre auch nicht ganz falsch. Nur richtet sich Neid meist auf etwas, das uns der andere voraushat. Die Kollegin hatte der Geschäftsführerin aber nichts voraus, sie nahm sich nur etwas, das beiden gleichermaßen zustand. Daran gehindert hat die Geschäftsführerin niemand außer der Frau, die an diesem Nachmittag mit mir am Tisch saß.

Da wurde mir etwas klar, das ich seither in meiner Arbeit immer wieder sehe, und bei mir selbst sowieso. Wir kritisieren an anderen mit verblüffender Treffsicherheit genau das, was wir uns selbst verbieten. Die Frau, die sich über die Kollegin aufregt, die um vier geht, ist die Frau, die sich das Gehen nicht erlaubt. Wer sich über den Kollegen ärgert, der in Meetings ungerührt „Das weiß ich nicht“ sagt, recherchiert selbst lieber eine halbe Nacht, als diesen Satz je auszusprechen. Unser Urteil über andere ist, wenn man genau hinsieht, öfters eine Landkarte der eigenen Verbote. Wer sie zu lesen lernt, erfährt darin wenig über die anderen als vielmehr über sich.

Warum ausgerechnet dort? Bleiben Sie kurz bei mir, denn die Antwort führt über einen Eisbären. 1863 schrieb Fjodor Dostojewski in seinen „Winterlichen Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke“, man solle sich einmal vornehmen, nicht an einen Eisbären zu denken, dann werde einem das verfluchte Ding jede Minute in den Sinn kommen. Mehr als hundert Jahre später hat der amerikanische Psychologe Daniel Wegner diesen Satz im Labor überprüft. Seine Versuchspersonen sollten fünf Minuten lang laut aussprechen, was ihnen durch den Kopf ging, aber dabei auf keinen Fall an einen weißen Bären denken und jedes Mal eine Glocke läuten, wenn es doch passierte. Die Glocke läutete ungefähr einmal pro Minute.

Wegner hat später auch beschrieben, woran das liegt. Damit wir etwas nicht denken, muss ein Teil von uns ständig nachsehen, ob wir es nicht doch denken, und genau dieser Kontrolleur hält den Bären am Leben. Wegner hat über Eisbären geforscht und nicht über Kolleginnen. 1997 haben aber der amerikanische Psychologe Leonard Newman und seine Kollegen seinen Mechanismus genau auf diese Frage übertragen: Wer Gedanken an eine Eigenschaft unterdrückt, die er an sich selbst fürchtet, hält sie so wach, dass er sie bevorzugt bei anderen entdeckt. Wer sich verbietet, um vier zu gehen, braucht einen inneren Wächter, der jeden Tag ungefähr ab halb vier Dienst hat und sehr genau mitbekommt, wer gerade nach seiner Jacke greift. Was wir uns verbieten, bleibt also hellwach, und weil es drinnen nicht darf, sucht es sich draußen ein Gesicht.

Bei mir selbst habe ich die Karte an einer Stelle entdeckt, die ich lange für das genaue Gegenteil hielt. Unzuverlässigkeit macht mich wahnsinnig, vor allem die Sorte, bei der jemand eine Deadline reißt und beim nächsten Treffen bester Laune ist, als wäre nichts gewesen. Bei mir gilt nämlich eine eiserne Regel, die ich nie beschlossen habe: Wer sich auf mich verlässt, wird nicht enttäuscht, unter keinen Umständen. Jahrelang habe ich diese Regel für Anstand gehalten und meinen Ärger für berechtigte Kritik.

Für einen Workshop fehlten einmal Unterlagen. Der Ansprechpartner hatte sie zweimal zugesagt, zweimal war nichts gekommen. Ich hatte nachgefragt, umgeplant und inzwischen ziemlich schlechte Laune. In einer Vorbesprechung schlug jemand vor, ihn noch einmal einzubeziehen. „Spar dir die Mail. Der kriegt das sowieso nicht hin.“ Ich sagte das so selbstverständlich, als hätte ich gerade seine Telefonnummer vorgelesen. Dabei kannte ich den Mann aus zwei Gesprächen und einigen unbeantworteten Mails.

Was mir heute daran unangenehm ist: Ich wollte, dass die anderen mir recht gaben. Ich hatte seinetwegen zusätzliche Arbeit, und offenbar fand ich, damit hätte ich mir diesen Satz verdient. Wie er danach vor den anderen dastand, war mir in diesem Moment ziemlich egal. Er hatte sich etwas erlaubt, das ich mir selbst nie erlaube, nämlich andere im Stich zu lassen, und mein Ärger war die Rechnung, die ich ihm dafür ausstellte, in einer Besprechung, in der er nicht einmal saß.

Ich will dabei ehrlich bleiben, denn nicht jedes Urteil ist eine verkleidete Selbstauskunft. Manche Zahlen sind schlicht falsch, manche Unterlagen fehlen wirklich, und wer jede Kritik reflexhaft auf sich selbst zurückbiegt, betreibt nur eine andere Form der Vermeidung. Mir hilft eine Unterscheidung, die ich die Temperatur nenne: Kalte Kritik fühlt sich an wie eine Feststellung. Man spricht sie aus oder lässt es bleiben, und dann ist die Sache erledigt. Heiße Kritik dagegen kommt immer wieder und beschäftigt mich abends noch, obwohl mich die Sache eigentlich nichts angeht. Sie ist immer ein wenig größer als ihr Anlass. Zwei ausgebliebene Lieferungen rechtfertigen die Feststellung, dass Unterlagen fehlen, aber kein Urteil über einen Mann, den ich aus zwei Gesprächen kannte.

Was mache ich also, wenn ich mich bei der heißen Sorte ertappe? Zuerst stelle ich mir eine einzige Frage: „Was verweigere ich mir gerade?“ Sie ist unbequem, weil sie den Blick vom anderen, wo es nicht wehtut, zu mir umlenkt, wo es wehtut. Dafür trifft sie fast immer, vor allem, wenn dasselbe Thema wiederkehrt. Ereifere ich mich bei ganz verschiedenen Menschen über dieselbe Sache, zeichnet sich auf der Karte ein Muster ab, und dieses Muster gehört mir.

Der zweite Schritt ist unangenehmer: Finden Sie heraus, welchen Satz der Mensch, über den Sie sich ärgern, mühelos sagt, und sagen Sie ihn diese Woche ein einziges Mal selbst. Für die Geschäftsführerin wäre das „Ich gehe jetzt“ gewesen, um vier, mit Jacke. Für mich war es „Das schaffe ich bis Freitag nicht“. Unzuverlässig zu werden, habe ich natürlich nicht beschlossen, das wäre absurd, und niemand will eine Beraterin, die Termine vergisst. Aber ich habe den Satz einmal ausgesprochen, statt die Zusage wie üblich mit einer Nachtschicht zu retten, mit klopfendem Herzen. Die Welt ging erstaunlicherweise nicht unter. Mein Gegenüber sagte „Kein Problem“ und wandte sich wieder seinem Bildschirm zu.

Der dritte Schritt führt noch einmal zur Bergpredigt zurück. Meist zitiert man dort nur die Frage nach Splitter und Balken, doch der Text geht weiter: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge. Dann wirst du klar genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.“ Von einem Verbot der Kritik ist da keine Rede, wohl aber von der Reihenfolge, in der sie hilft. Mein Balken bestand, wie sich herausstellte, aus einem Verbot. Seit ich mir ab und zu einen verschobenen Freitag erlaube, ist mein Ärger über unzuverlässige Menschen nicht ganz verschwunden, aber er ist kälter geworden, und kalte Kritik kann man aussprechen. Einem Kollegen, der eine Frist reißt, sage ich heute ohne jede moralische Temperatur, dass er mir bitte am Mittwoch Bescheid geben soll, wenn es knapp wird, und damit kann er arbeiten. Die heiße Fassung hätte er nie zu hören bekommen, die hören immer nur die anderen.

Der Geschäftsführerin habe ich an diesem Nachmittag nichts von alledem erzählt, weder vom Eisbären noch von der Bergpredigt. Ich habe ihr nur eine Frage gestellt: „Und Sie? Wann gehen Sie?“ Sie hat gelacht. Dann hat sie aufgehört zu lachen. Wir haben an diesem Nachmittag nicht mehr über die Kollegin gesprochen.