Warum ich aufgehört habe, „Super“ zu sagen

Meine Tennislehrerin rief „Super!“, wenn der Ball übers Netz ging. Sie rief „Super!“, wenn er im Aus landete. Einmal, da bin ich mir ziemlich sicher, rief sie „Super!“, als mir der Schläger aus der Hand rutschte und über den halben Platz schlitterte. Eine Stunde lang kam ein warmer, gleichmäßiger Regen aus Zustimmung, bei jedem Schlag derselbe Ton, dieselbe Lautstärke, dasselbe strahlende Gesicht. Ich ging nach Hause und fühlte mich – ich kann es nicht anders sagen – ein bisschen einsam und blöd.

Das hat mich damals selbst überrascht. Vielleicht kennen Sie das aus einem anderen Zusammenhang: Sie haben etwas abgeliefert, auf das Sie stolz waren, und bekommen ein „Klasse, danke.“ zurück, das sich irgendwie nicht anfühlt wie ein Geschenk. Sie können nicht sagen, was fehlt, denn es war ja freundlich, es war ja ein Lob. Und trotzdem gehen Sie mit dem leisen Verdacht aus dem Raum, dass Sie auch etwas ganz anderes hätten abliefern können, ohne dass sich an der Antwort irgendetwas geändert hätte. Falls Sie sich dafür undankbar vorkommen: Das sind Sie nicht. Sie haben etwas bemerkt, das die meisten Menschen bemerken und sich nicht erklären können.

Dass wir gelobt werden wollen, gilt als ausgemacht. Ganze Bücherregale erklären uns, wie wichtig Anerkennung ist und wie sehr Menschen aufblühen, wenn man ihnen Gutes sagt. Das stimmt auch. Nur übersehen wir dabei eine Bedingung, die so selbstverständlich ist, dass sie kaum jemand ausspricht: Lob bedeutet nur dann etwas, wenn es auch hätte ausbleiben können. Ein „Super“, das auf alles fällt, sagt über meinen Schlag genauso viel wie ein „Super“, das auf nichts fällt – nämlich nichts.

Der niederländische Psychologe Eddie Brummelman hat vor gut zehn Jahren untersucht, wie Erwachsene Kinder loben, und dabei etwas Unangenehmes gefunden. Überhöhtes Lob, also „unglaublich schön!“ statt „schön!“, bekamen ausgerechnet die Kinder mit dem geringsten Selbstwertgefühl am häufigsten zu hören. In einem weiteren Experiment derselben Arbeit mieden gerade solche Kinder nach überhöhtem Lob die schwierigeren Aufgaben. Brummelman erklärt das mit den Maßstäben, die so ein Lob setzt: Wer einmal „unglaublich“ gehört hat, fürchtet, beim nächsten Mal nur noch „schön“ zu sein. Das leuchtet mir durchaus ein, aber ich vermute, dass noch etwas anderes dazukommt.

Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat 1967 eine Beobachtung beschrieben, die mich fasziniert. Der erste Spiegel eines Säuglings, schrieb er, ist das Gesicht der Mutter. Das Kind schaut sie an und sieht in ihren Reaktionen zum ersten Mal sich selbst, seine Freude und seinen Schmerz. Kommt ihm dabei immer nur dieselbe Miene entgegen – gleichgültig, was es tut – dann findet es in diesem Gesicht nichts von sich und schaut, ohne gesehen zu werden. Winnicotts Satz dazu ist von einer fast erschreckenden Einfachheit: „Wenn ich schaue, werde ich gesehen, also existiere ich.“

Darüber ist mir am Tennisplatz nachträglich etwas aufgegangen, das ich vorher genau falsch herum verstanden hatte. Ich hatte das gleichmäßige „Super“ meiner Lehrerin für Großzügigkeit gehalten, dabei kam es aus einem Gesicht, das sich nicht mehr veränderte. Sie hatte aufgehört hinzusehen, vermutlich aus Routine, vielleicht auch, weil es einfacher ist, dasselbe Wort zu rufen, als wirklich zu verfolgen, was ich diesem einen Ball gerade angetan hatte. Ihr Lob konnte mich gar nicht aufbauen, es handelte ja von ihrer Abwesenheit. Ausgerechnet die großzügigste Sorte Lob, die, von der wir am liebsten mehr hätten, kann uns dabei am gründlichsten übersehen.

Das wäre eine bequeme Geschichte, wenn sie hier endete: Ich, das arme Opfer einer zerstreuten Tennislehrerin. Sie endet aber leider nicht hier, weil ich viel zu oft selbst auf der anderen Seite des Netzes stehe.

Ich erinnere mich an eine Mitarbeiterin, die mir aufgeregt etwas zeigte, während ich nebenbei eine Mail las. Ich sagte „Toll, sehr cool.“, in genau dem warmen, runden Ton meiner Tennislehrerin. Hätte mich jemand zwei Minuten später gefragt, worum es ging oder was sie mir gezeigt hatte, hätte ich es beim besten Willen nicht sagen können. Mein „Toll“ war eine höfliche Art, nicht anwesend zu sein. Ich habe ihr (so muss man es wohl nennen) ins Gesicht gelobt, dass sie mir in diesem Augenblick egal war.

Seit ich weiß, worauf ich achten muss, sehe ich es auch bei anderen. Vor einiger Zeit saß ich in einem Meeting neben einem Geschäftsführer, den ich sehr mag, während drei Leute aus seinem Team nacheinander ihre Projekte vorstellten. Nach jedem sagte er „Super, danke.“, mit derselben Wärme und demselben kleinen Lächeln, als hätte er bei meiner Tennislehrerin Unterricht genommen. Hinterher auf dem Gang fragte ich ihn, welche der drei Präsentationen ihm am besten gefallen habe. Er überlegte ehrlich, dann lachte er und sagte: „Ich weiß es nicht. Ich habe die ganze Zeit an die Bank gedacht.“ Ich habe ihm das nicht übel genommen, an seiner Stelle hätte ich wahrscheinlich auch an die Bank gedacht. Aber die drei Menschen im Raum wussten jetzt weniger als vorher. Sie hatten dreimal dasselbe Wort bekommen und keinen einzigen Hinweis darauf, ob irgendjemand einen Unterschied bemerkt hatte.

Lob, das nicht unterscheidet, nimmt den Menschen genau das, wofür sie es überhaupt brauchen. Winnicott hat das am Säugling beschrieben, aber ich glaube nicht, dass es mit dem Säuglingsalter aufhört. Auch als Erwachsene schauen wir nach einer Präsentation in die Gesichter im Raum und suchen darin uns selbst. Gesehen zu werden ist kein Bedürfnis, das wir uns abgewöhnen. Wir haben nur gelernt, nicht mehr danach zu fragen.

Was mache ich jetzt damit? Drei Dinge, die sich nach und nach ergeben haben.

Das Erste ist eine kurze Frage, die ich mir inzwischen nach jedem Lob stelle, das ich ausspreche. Ich nenne sie die „Wofür-Frage“, obwohl sie streng genommen nur mit Ja oder Nein zu beantworten ist: „Könnte ich sagen, wofür genau ich das eben gelobt habe?“ Am Anfang musste ich erschreckend oft Nein sagen. Angenehm war das nicht, aber eine genauere Auskunft über meine eigene Aufmerksamkeit habe ich nie bekommen. Wenn mir kein Wofür einfällt, habe ich nicht zugehört. Dann ist das Zuhören die eigentliche Aufgabe, und das Lob kann warten.

Das Zweite ist aus dieser Frage von selbst gewachsen, und ich möchte es Ihnen ans Herz legen: Nennen Sie beim Loben eine einzige konkrete Stelle, irgendetwas, das beweist, dass Sie geistig anwesend waren. Statt „guter Vortrag“ also lieber „die Stelle, an der Sie die Frage erst zurückgegeben haben, bevor Sie sie beantwortet haben“. Das klingt nach einem kleinen Unterschied und war für mich erstaunlich schwer, weil „toll“ und „super“ so bequem und so kurz sind. Sie überbrücken jede Pause, in der man eigentlich nachdenken müsste. Die konkrete Stelle zwingt einen, diese Pause auszuhalten.

Das Dritte ist das Schwerste, weil es um das Lob geht, das ich selbst gern höre. Wenn mein Mann einen Text von mir liest und „gut“ sagt, frage ich inzwischen zurück: Welche Stelle? Und wenn ich mich besonders mutig fühle, auch: Welche ist die schwächste? Ein „gut“, zu dem ihm keine Stelle einfällt, ist dieselbe Auskunft wie das „Super“ meiner Tennislehrerin, es hätte auf jeden Text fallen können. Erst wenn er sagt „der zweite Absatz ist zu lang“, weiß ich, dass er den Text wirklich gelesen hat. Ich gebe zu, dass mir diese Auskunft in den seltensten Fällen gefällt. Aber mit ihr kann ich wenigstens etwas anfangen.

Irgendwann bin ich zu einem anderen Tennislehrer gewechselt. Der erste Satz, den er zu mir sagte, lautete: „Dein Aufschlag kommt zu spät. Und generell wartest du darauf, dass der Ball zu dir kommt, statt ihn zu nehmen.“ Schmeichelhaft war das nicht. Aber zum ersten Mal seit Langem hatte ich das Gefühl, dass mir auf diesem Platz jemand zusah. Lieber werde ich gesehen als gelobt. Beim nächsten Ball bin ich sofort losgelaufen.