Vor einigen Jahren richtete der Ökonom Steven Levitt eine Website ein, auf der man eine Münze werfen konnte, aber es war nicht zum Spaß gedacht oder gar um die Langeweile zu vertreiben. Wer dort landete, stand vor einer Entscheidung, die er seit Monaten vor sich herschob: kündigen oder bleiben, sich trennen oder es noch einmal versuchen, umziehen, den Job wechseln, mit dem Rauchen aufhören. Kopf hieß: Tun Sie es, Zahl hieß: Lassen Sie es lieber sein. Mehr als zwanzigtausend erwachsene Menschen haben mitgemacht und ein Geldstück über ihr Leben entscheiden lassen. Ein halbes Jahr später waren diejenigen, denen die Münze zum Absprung geraten hatte und die ihn gewagt hatten, zufriedener als jene, die geblieben waren.
Levitt hat daraus geschlossen, dass wir bei großen Entscheidungen systematisch zu vorsichtig sind. Mich beschäftigt allerdings etwas anderes an dieser Studie. Diesen Menschen fehlten keine Informationen mehr: Sie hatten monatelang abgewogen, mit Freunden geredet, Listen gemacht. Was sie suchten, war jemand, der die Verantwortung mitträgt. Und sei es ein Geldstück.
Bevor Sie den Kopf schütteln: Ich habe beim ersten Lesen auch gedacht, dass das sehr verzweifelte Menschen sein müssen. Dann fiel mir ein, dass in meinem Kalender ein Workshop-Termin steht, den ich seit 14 Monaten von Quartal zu Quartal schiebe. Eine Münze habe ich dafür nie gebraucht. Ich habe etwas viel Besseres: Einen Kalender, in dem man Dinge nach hinten ziehen kann, ohne sie zu löschen.
Wann haben Sie zuletzt etwas beendet – ein Projekt, eine Zusammenarbeit, eine Gewohnheit – einfach so, ohne es vorher wochenlang zu prüfen?
Falls Ihnen dazu gerade nichts einfällt, sind Sie in ausgesprochen guter Gesellschaft. Die meisten meiner Klienten bringen zum Erstgespräch Unterlagen mit: Tabellen mit drei Szenarien, Risikobewertungen, einmal bekam ich eine Nutzwertanalyse mit gewichteten Kriterien. Alles Dokumente, die begründen sollen, warum das Projekt, die Stelle, die Zusammenarbeit ausgerechnet jetzt nicht beendet werden kann. Ich kenne diese Dokumente gut. Ich habe sie nur nie jemanden ändern sehen.
Vor einigen Jahren habe ich deshalb eine Frage in meine Erstgespräche eingebaut, die zuverlässig für ein paar Sekunden Stille sorgt: „Was würden Sie tun, wenn Ihnen dabei niemand zusieht?“ Die Antworten sind erstaunlich ähnlich: Das Meeting absagen, das seit Monaten mitgeschleppt wird. Die Kooperation beenden, die beide Seiten ermüdet. Den Kunden anrufen und sagen, dass das beim besten Willen nicht funktioniert. Kein einziger Klient hat mir je geantwortet, er würde mehr tun, wenn niemand zusieht. Alle würden weniger tun.
Zu Anfang habe ich das als Symptom überfüllter Kalender gelesen und auch entsprechend behandelt. Also haben wir priorisiert, Kapazitäten geplant, Zeitfresser identifiziert. Wir haben lauter vernünftige Dinge gemacht, die trotz aller guter Bemühungen letztlich nichts geändert haben. Inzwischen halte ich diese Lesart für falsch, und zwar auf eine unangenehme Weise. Wenn jemand innerhalb von zwei Sekunden weiß, was er beenden würde, dann fehlt ihm keine Entscheidung. Die ist längst gefallen, oft schon vor Monaten. Was fehlt, ist ein Publikum, das sie absegnet. „Ich gebe nicht auf“ bekommt Beifall. „Ich habe entschieden, das zu beenden“ verlangt nach Erklärungen. Also prüfen wir weiter: Die Tabelle, die eine Nacht, das gründliche Durchdenken. Irgendwann ist das keine Sorgfalt mehr, sondern nur noch deren Aufführung.
Ich möchte an dieser Stelle etwas klarstellen, weil es sonst strenger klingt, als es gemeint ist: Der Wunsch nach einem Publikum ist kein Charakterfehler. Wer eine Entscheidung allein trifft, trägt sie auch allein, und das ist eine echte Last, keine eingebildete. Genau deshalb haben zwanzigtausend vernünftige Menschen eine Münze geworfen, und genau deshalb hat es funktioniert: Die Münze hat mitgetragen. Der Fehler liegt nicht im Wunsch, sondern in dem, was wir stattdessen tun. Wir suchen uns keinen Mitträger. Wir bauen eine Tabelle.
Die Aufführung der Sorgfalt ist deshalb so schwer zu erkennen, weil sie der echten zum Verwechseln ähnlich sieht: Beide sehen wie Arbeit aus, beide kosten Abende, beide hinterlassen Dateien. Der Unterschied liegt im Ergebnis. Echte Sorgfalt kann die Entscheidung noch ändern. Die Aufführung kann das nicht, weil die Entscheidung bereits feststeht. Sie erzeugt lediglich Material für den Fall, dass jemand fragt.
Eine ältere Kollegin hat mir dazu vor Jahren etwas gesagt, das ich damals leicht pikiert zur Kenntnis genommen habe. Wir saßen nach einem gemeinsamen Projekt beim Essen, und ich hatte ihr ausführlich erklärt, warum ich diesen Termin noch nicht streichen könne. Sie hörte sich das an, ohne ein einziges Mal zu unterbrechen. Dann legte sie die Gabel hin und sagte: „Du beantwortest die ganze Zeit die falsche Frage. Du erklärst mir, ob du das noch schaffst. Ich habe dich gefragt, ob du das noch sollst.“ Ich fand die Unterscheidung banal und habe ihr das auch gesagt. Sie hat weitergegessen. In den Wochen danach bin ich immer wieder darauf zurückgekommen. „Kann ich das noch?“ ist eine Frage nach Ressourcen. „Soll ich das noch?“ ist eine Frage nach Prioritäten. In meinem Kalender kam die erste ständig vor, die zweite praktisch nie.
Hinter dem Termin steckt ein Workshop, den ich seit Jahren anbiete. Er kostet mich mehr Energie, als er zurückgibt, und jedes Mal, wenn ich ihn streichen will, kommt eine Anfrage herein oder jemand redet mir zu. Letztes Frühjahr habe ich den Termin wieder verschoben, statt ihn zu löschen, und war anschließend erleichtert. Die Erleichterung hat mich stutzig gemacht. Ich habe eine Weile gebraucht, um mir einzugestehen, was da passiert war: Ich hatte nicht gehofft, dass sich die Sache klärt. Ich hatte gehofft, dass jemand anders sie beendet. Genauer gesagt, und das ist der Teil, den ich ungern aufschreibe: Ich hatte gehofft, dass zu wenige Anmeldungen kommen. Dann wäre es keine Entscheidung gewesen, sondern Pech. Verschieben ist die elegante Schwester des Nicht-Entscheidens. Man behält alles und muss niemandem etwas erklären.
Seither habe ich dafür einen Test, der zwei Sekunden dauert und den ich nicht empfehlen kann, wenn Sie gerade gute Laune haben: Bei welcher Ihrer laufenden Verpflichtungen wären Sie erleichtert, wenn die andere Seite morgen absagt? Was Ihnen dazu einfällt, haben Sie längst entschieden. Sie warten vermutlich nur darauf, dass es jemand anders tut.
Seitdem gehe ich einmal im Quartal meine laufenden Verpflichtungen durch, mit den beiden Fragen meiner Kollegin und einer dritten, die schlimmer ist: „Wem will ich damit eigentlich noch etwas beweisen?“ Bei ungefähr der Hälfte weiß ich die Antwort sofort, und sie ist selten schmeichelhaft. Das dauert zwanzig Minuten und ist ehrlicher als alles, was in meinem Planungstool steht.
Das Bemerken allein ändert nichts, das habe ich zwei Quartale lang eindrucksvoll bewiesen. Deshalb der zweite Schritt, und der ist unbequem konkret: Schreiben Sie den Absagesatz, bevor Sie die Begründung schreiben. Nicht erst danach! Die Reihenfolge entscheidet alles, weil eine Begründung, die vor dem Entschluss entsteht, immer eine Aufführung ist. Ein Satz genügt. „Ich beende das zum 31. März.“ Wenn Ihnen der Satz beim Schreiben körperlich unangenehm wird, haben Sie die richtige Sache erwischt.
Und dann der Teil, den ich am längsten übersprungen habe. Wenn das Publikum das eigentliche Problem ist, dann hilft es wenig, ohne Publikum zu entscheiden. Es hilft, sich eines zu geben. Die Leute bei Levitt hatten eine Münze. Sie haben etwas Besseres: Sagen Sie es einem Menschen, im Indikativ, ohne Fragezeichen. „Ich beende das.“ Eine Frage gibt dem anderen eine Stimme und Ihnen einen Ausweg. Eine Mitteilung macht ihn zum Zeugen. Und ein Zeuge muss Ihnen nicht zustimmen – er muss sich nur erinnern.
Ich habe das im Sommer ausprobiert, allerdings mit einer kleineren Sache, nicht mit dem Termin. Die Antwort war: „Wurde ja auch Zeit.“ Kein Applaus, aber auch keine Erklärungen. Man sucht sich für den ersten Versuch offenbar die zweitschwerste Sache aus.
Der Termin steht also weiter in meinem Kalender, im November, zum vierten Mal verschoben. Ich habe lange geglaubt, das liege daran, dass die Entscheidung schwer ist. Inzwischen weiß ich es besser. Die Entscheidung ist gefallen. Der Termin wartet nur noch auf sein Publikum.

