Ich saß in einem Konferenzraum und dachte zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Vormittag: „Der Mann ist komplett irre.“ Zehn Minuten später war mir klar, dass ich diejenige war, die etwas nicht verstanden hatte.
Kennen Sie diesen Moment? Sie sitzen in einer Besprechung, einer Familienfeier, einem Elterngespräch und jemand reagiert so merkwürdig, so überzogen, so unerklärlich, dass Sie sich fragen: Was ist eigentlich los mit dem?
Der Reflex hat einen Namen in der Sozialpsychologie, und er ist so universal, dass Forscher ihn den „fundamentalen Attributionsfehler“ getauft haben. Schon 1967 zeigten die Psychologen Edward Jones und Victor Harris an der Duke University, dass Versuchspersonen die Einstellung eines Essay-Schreibers seinem Charakter zuschrieben, auch wenn man ihnen vorher ausdrücklich gesagt hatte, dass der Schreiber per Münzwurf zugewiesen bekommen hatte, für oder gegen Fidel Castro zu argumentieren. Späteren Studien zufolge machen über 80% der Menschen diesen Fehler regelmäßig. Wenn Sie sich im Stau aufregen, haben Sie gute Gründe. Wenn der Fahrer vor Ihnen sich aufregt, ist er ein Idiot.
Keine Sorge, das macht Sie nicht zu einem schlechten Menschen. Wenn Sie diesen Fehler machen, sind Sie in guter Gesellschaft, nämlich mit ziemlich genau dem Rest der Menschheit.
Aber lassen Sie mich Ihnen einen anderen Gedanken anbieten, der mir nach zwanzig Jahren Beratung in Vorständen, Familienunternehmen und Kliniken vermutlich genauso viel Kummer erspart hat wie eine sehr gute Therapeutin. Er lautet: Niemand ist verrückt. Jeder Mensch handelt innerhalb dessen, was seine Biografie ihn gelehrt hat. Und diese Lehre wiegt mehr als alles, was er jemals in einem Lehrbuch lesen könnte.
Der niederländische Philosoph Baruch Spinoza schrieb im 17. Jahrhundert einen Satz, der wie ein Leitmotiv für meinen Beruf taugt: „Non ridere, non lugere, neque detestari, sed intelligere“. Es bedeutet so viel wie „nicht lachen, nicht weinen, nicht verurteilen, sondern verstehen“. Spinoza saß damals in Amsterdam und beobachtete einen Bürgerkrieg, politische Morde, religiöse Verfolgung. Sein Rat war nicht, die Handelnden milder zu beurteilen. Sein Rat war, eine andere Frage zu stellen: Was hat diese Menschen eigentlich dahin gebracht, wo sie jetzt stehen?
Ich weiß, das klingt zunächst nach moralischer Beliebigkeit. Jeder macht, was er will, und wir sagen „okay“? Aber bleiben Sie einen Moment bei mir. Spinoza wollte nicht, dass wir Verantwortung aufgeben. Er wollte, dass wir Diagnosen stellen, die tatsächlich stimmen. Wer einen Motor reparieren will, beschimpft ihn nicht als „launisch“. Er öffnet die Haube.
In der Praxis funktioniert das so: Wenn ich in ein Unternehmen gerufen werde, weil „der Vertriebsleiter unmöglich ist“ oder „die Geschäftsführerin alle Mitarbeiter vergrault“, beginne ich nie mit dem Symptom. Ich beginne mit einer einzigen Frage: Was hat diese Person gelernt, das aus ihrer Sicht gerade Sinn ergibt?
Die Psychologie nennt den Mechanismus dahinter „implizites Lernen“. Unser Gehirn speichert lebenslang Muster ab, die für uns irgendwann einmal funktioniert haben und wendet sie dann an, auch wenn der Kontext sich längst geändert hat. Anders gesagt: Menschen verhalten sich nie irrational. Sie verhalten sich nach einer Rationalität, die Sie nur noch nicht entschlüsselt haben.
Vor ein paar Jahren hatte ich einen Klienten, nennen wir ihn Bernd, der in Meetings ununterbrochen unterbrach. Seine Kollegen waren kurz davor, kollektiv zu kündigen. Der HR-Vorschlag: „Kommunikationstraining.“ Der Vorstandsvorschlag: „Abmahnung.“ Ich setzte mich mit Bernd in ein Café, ganz ohne Agenda, nur mit zwei Cappuccino, die wir dann vergaßen zu trinken, weil ich zu sehr zuhörte. Nach etwa vierzig Minuten sagte er einen Satz, der alles erklärte: „Wenn ich bei uns zu Hause nicht sofort gesagt habe, was ich dachte, war die Chance vorbei. Dann hat wer anders das Wort gehabt, und ich kam nicht mehr dran.“ Bernds Familie bestand aus sieben Kindern. In seiner Biografie war Unterbrechen keine Unhöflichkeit. Es war Überleben.
Der Autor Nassim Nicholas Taleb hat in seinem Buch „Skin in the Game“ einen verwandten Gedanken formuliert: Menschen verhalten sich dort am vernünftigsten, wo sie die Konsequenzen ihres Verhaltens am intensivsten gespürt haben. Bernds Unterbrechen war eine Form von Vernunft. Nur eben nicht die, die im Vorstandsprotokoll vorgesehen ist.
Und hier kommt das Unangenehme. Ich dachte lange, es gehe beim Thema „Niemand ist verrückt“ darum, die anderen besser zu verstehen. Bernd zu begreifen, den Schwiegervater zu ertragen, den Kunden zu entschlüsseln. Das ist nicht falsch, aber es ist nicht der Kern. Der Kern ist: Wenn niemand verrückt ist, dann bin auch ich es nicht. Meine überzogenen Reaktionen, mein inneres Flackern, wenn ich nicht die klügste Antwort parat habe: Das sind keine Marotten. Das ist meine Biografie, die sich gerade meldet. Und das ist eine deutlich unangenehmere Erkenntnis, als über die Eigenarten anderer zu philosophieren.
Was mache ich seitdem damit? Drei Dinge, eher aus Notwehr als aus Methode.
Das erste ist, dass ich mich in Konflikten heute immer zuerst frage: Wenn diese Person aus ihrer Sicht gerade vollkommen vernünftig handelt: Was muss sie dann gelernt haben, damit das so ist? Diese eine Frage hat meine Arbeit als Beraterin ruhiger gemacht. Ich diagnostiziere nicht mehr Persönlichkeiten, ich rekonstruiere Biografien. Das ist weniger anmaßend und viel produktiver.
Das zweite ist fast noch wichtiger. Wenn mich jemand zur Weißglut treibt, nehme ich das inzwischen als Hinweis auf mich selbst, nicht auf den anderen. Ich hatte einmal eine Mitarbeiterin, die zu jedem Termin zwei Minuten zu spät kam. Nicht zehn, nicht fünf, zwei. Es war fast schon eine Kunst. Ich habe mich monatelang darüber geärgert, bis es mir peinlich wurde, wie viel Energie ich darauf verwandte. Dann habe ich mich gefragt, was mich daran eigentlich so triggert. Es waren nie die zwei Minuten. Es war das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden – eine sehr alte Erfahrung, die mit ihr überhaupt nichts zu tun hatte. Sie war nicht respektlos. Ich war nur unvollständig informiert über mich selbst.
Das dritte ist, dass ich Menschen inzwischen viel häufiger eine Frage stelle, die ich früher für naiv hielt: „Was hat Sie denn dahin gebracht, das so zu sehen?“ Diese Frage klingt freundlich, ist aber in Wahrheit ein Präzisionswerkzeug. Sie verlagert das Gespräch von Verteidigung zu Geschichte. Und Geschichten lassen sich gemeinsam anschauen, während Charaktereigenschaften uns in einer Endlosschleife festhalten.
Das funktioniert fast überall. Die Mitarbeiterin, die sich weigert, Verantwortung zu übernehmen? Hat vielleicht in ihrer ersten Position gelernt, dass Eigeninitiative bestraft wird. Der Vorgesetzte, der jedes Detail kontrolliert? Hat möglicherweise einmal einen Fehler übersehen, der ihn beinahe das Unternehmen gekostet hat. Die Freundin, die sich in Beziehungen immer unterordnet? Hat als Kind gelernt, dass Widerspruch Kontaktabbruch bedeutet. Keine dieser Biografien entschuldigt das Verhalten, aber sie erklärt es. Und Erklärung ist der erste Schritt zu Veränderung – für beide Seiten.
Die zivile Luftfahrt hat das übrigens schon vor Jahrzehnten kapiert. Nach einer Reihe verheerender Unfälle, bei denen Piloten reflexartig als „unfähig“ abgestempelt worden waren, führte die Branche ein Konzept namens „Just Culture“ ein. Das ist eine Ermittlungskultur, die konsequent davon ausgeht, dass Piloten im Moment der Entscheidung rational gehandelt haben, basierend auf dem, was sie sehen und gelernt hatten. Dieser eine Mentalitätswechsel hat die Flugsicherheit so dramatisch verbessert, dass Fliegen heute zum statistisch sichersten Fortbewegungsmittel wurde. Stellen Sie sich vor, wir würden unsere Meetings so führen…
Am Ende geht es um etwas, das in allen großen Traditionen eine ähnliche Form hat. Der Talmud sagt: „Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, wir sehen sie, wie wir sind.“ Der römische Dichter Terenz schrieb vor über zweitausend Jahren: „Homo sum, humani nihil a me alienum puto“, also „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd“. Beides sind höfliche Formulierungen derselben Einsicht: Der andere bin ich unter anderen Umständen selbst.
Vielleicht ist das der eigentliche Wert dieser ganzen Idee. „Niemand ist verrückt“ ist kein weichgespülter Aufruf zur Toleranz. Es ist eine Diagnose. Sie sagt: Die Menschen um Sie herum sind nicht das Problem. Sie sind Spiegel, auf denen Biografien reflektieren, auch Ihre eigene. Und das ändert alles. Nicht weil die Welt plötzlich netter wird, sondern weil Sie endlich sehen, wen Sie eigentlich die ganze Zeit versucht haben zu verstehen.

