Was Ihr Handy über Sie weiß, das Sie nicht wissen wollen

> Also ich finde den Artikel in Ordnung aber nicht übermäßig gut. Aber hab keine konkreten Verbesserungsvorschläge. Vielleicht ist es aber eh ein guter Feiertagsartikel! Ein paar Formulierungspunkte habe ich unten geschriebern.

Exzerpt: Wir arbeiten nicht mehr als früher. Trotzdem sind wir erschöpfter denn je. Die Antwort liegt nicht in der Menge unserer Arbeit, sondern in dem, was wir uns dabei erzählen.

> Zum Exzerpt: Was meinst du mit “was wir usn dabei erzählen”? Darum geht es doch irgendwie gar nicht, also zumindest nicht um den Inhalt, also das “was”.

Letztens habe ich mich bei etwas Absurdem ertappt. Ich war mit meinem Mann spazieren und nutzte eine kurze Pause, in der er sich um unsere Hündin kümmerte, um „schnell“ eine Mail auf meinem Handy zu beantworten. Mein Mann fragte, was ich da mache. „Ich arbeite.“, sagte ich. „Nein“, korrigierte er mich, „du bist verfügbar.“

Ich wollte widersprechen. Ich fand nur dummerweise kein Argument.

Wenn Sie das hier lesen, kennen Sie dieses Gefühl wahrscheinlich. Nicht nur das schlechte Gewissen gegenüber dem Partner (obwohl das vielleicht auch), sondern dieses spezifische Unbehagen, wenn jemand in drei Worten benennt, was man selbst seit Monaten nicht benennen konnte.

Wir reden aktuell viel über Erschöpfung. Burnout, Grenzen, Work-Life-Balance – diese Wörter scheinen überall zu sein. Dabei arbeiten meisten Wissensarbeiter in der heutigen Zeit nicht viel mehr Stunden als ihre Kollegen vor zwanzig Jahren. Studien nach arbeiten die meisten sogar weniger. Die Erschöpfung kommt nicht von der Menge. Sie kommt von etwas anderem, das schwerer zu sehen ist.

Früher hatte Arbeit eine Form. Man ging hin. Man kam zurück. Dazwischen gab es eine Tür. Heute gibt es keine Tür mehr. Es gibt ein Gerät in der Hosentasche, das uns jederzeit erreicht und das wir selbst mitgebracht haben, sogar freiwillig. Wir dachten, das sei Freiheit.

Psychologen sprechen von Effort-Recovery-Balance: Unser Nervensystem braucht nicht nur Pausen, sondern das klare Signal, dass die Anstrengung vorbei ist. Ohne dieses Signal bleibt der Körper in chronischer Bereitschaft. Das ist so, als würde jemand die Türklingel in Ihrer Wohnung entfernen und stattdessen alle zehn Minuten anklopfen: mal laut, mal leise, mal gar nicht, aber immer möglich. Nach einer Woche wären Sie erschöpft, auch wenn nie jemand angeklopft hätte.

> Die Metapher verstehe ich nicht ganz, was ist jetzt der Unterschied zwischen Klopfen und Klingeln? Oder geht es dir um “alle 10 Minute” oder laut/leise?

„Aber ich will doch flexibel sein“, sagen viele meiner Klientinnen. „Ich mag es, von zu Hause aus zu arbeiten!“ Ich verstehe das. Wirklich. Ich mag das auch. Das Problem ist nicht die Flexibilität. Das Problem ist Flexibilität ohne Architektur. Grenzenlose Freiheit macht uns nicht freier. Sie macht uns rastlos.

Ich habe lange gedacht, das alles sei eine Frage der Disziplin. Dass Menschen, die nicht abschalten können, einfach schlechte Grenzen setzen. Aber dann habe ich genauer hingesehen und etwas gefunden, das ich nicht erwartet hatte: Es geht in Wahrheit nicht um Disziplin. Es geht um etwas tiefer Liegendes.

Ein guter Bekannter von mir, ein Mann, der jahrzehntelang immer, viel und zuverlässig gearbeitet hatte, wurde sehr krank. Als ich ihn besuchte fragte ich ihn, ob es etwas gäbe, dass er bereue. Er dachte lange nach. „Ich bereue nicht, dass ich gearbeitet habe“, sagte er. „Ich bereue nur, dass ich nie wirklich aufgehört habe.“

Er meinte nicht die Überstunden. Er meinte die Abwesenheit in den Momenten, die eigentlich da waren.

> Was meinst du mit “die eigentlich da waren”, welche Momente genau?

Warum fällt es uns dann so schwer aufzuhören? Ich glaube, die Antwort liegt tiefer vergraben als in der Technologie oder Unternehmenskultur. Sie berührt etwas zutieft Menschliches: unsere Angst vor der Bedeutungslosigkeit.

Der Philosoph Pascal schrieb im 17. Jahrhundert, dass das ganze Unglück der Menschen daher rühre, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Er meinte, dass wir vor der Stille fliehen, weil wir uns dort selbst begegnen würden.

Wenn ich ehrlich bin, dann nutze ich meine ständige Verfügbarkeit manchmal als Schutzschild gegen genau diese Begegnung. Gegen die Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr gebraucht werde? Was bleibt von mir, wenn mein Wert nicht in meiner Reaktionszeit gemessen wird?

Wir klammern uns an die Verfügbarkeit, weil sie uns eine Identität gibt, die leichter zu greifen ist als die schwierigere Antwort auf diese Frage. Solange das Handy leuchtet, sind wir wichtig. Solange die Mails kommen, werden wir gebraucht. Das ist kein Zeichen von Schwäche, es ist zutiefst menschlich, aber es hat einen Preis.

Der Theologe Abraham Joshua Heschel nannte den Sabbat eine „Kathedrale in der Zeit“. Das ist kein Ort, sondern einen Moment, in dem wir aufhören zu produzieren und anfangen zu sein. Ich bin nicht religiös im klassischen Sinne, aber ich verstehe, was er meinte: Es liegt eine gewisse Notwendigkeit im Nichtstun. Es ist die Anerkennung, dass unser Wert nicht von unserer Leistung abhängt. Das klingt abstrakt, aber es ist radikal praktisch. Denn wenn ich akzeptiere, dass mein Wert nicht an meiner Verfügbarkeit hängt, kann ich das Handy weglegen. Wenn ich verstehe, dass meine Existenz nicht von meiner Produktivität abhängt, kann ich den Tag enden lassen.

Hier ist etwas, das die Forschung bestätigt, aber das mir persönlich schwerfällt zu akzeptieren: Wir sind nicht Opfer der Arbeit. Wir sind manchmal einfach Komplizen. Nicht immer und nicht alle, aber oft genug, dass es sich lohnt, ehrlich hinzuschauen.

Letzte Woche habe ich um 22 Uhr noch eine „wichtige“ Mail geschrieben. Mein Mann schaute mich an und sagte nichts. Er musste auch nichts sagen. Ich wusste selbst, warum ich es tat: weil das Leuchten des Bildschirms mich kurz aus der Stille herausholte, in der ich mir selbst begegnet wäre. Und weil ich mir sagte, es müsse perfekt sein: sofort, vollständig, besser als nötig. Aber nicht jede Mail verdient meine beste Antwort. Manche verdient eine gute. Manche eine ausreichende. Die Perfektion in jeder Kleinigkeit ist der Feind der Lebensqualität. Und oft genug auch der Vorwand, den wir brauchen, um nicht aufzuhören und uns selbst nicht zu begegnen.

Ich werde Ihnen jetzt nicht sagen, dass ich das perfekt gelöst habe. Aber ich habe zwei Dinge gelernt: Erstens habe ich angefangen, mein Handy abends abzuschalten und in einen anderen Raum zu legen. Physische Distanz schafft psychologische Distanz. Und zweitens haben mein Mann und ich mit unserem Team vereinbart, dass nach 18 Uhr nichts mehr beantwortet wird. Das befreit jeden von der heimlichen Frage: Sollte ich eigentlich noch? Diese kleinen Architekturen ersetzen keine innere Überzeugung. Aber sie geben ihr eine Form, solange die Überzeugung noch wächst.

Ein Feierabend ist kein Privileg. Er ist eine Voraussetzung für ein Leben, das über bloße Funktion hinausgeht. Die erfolgreichsten Menschen, die ich kenne, sind nicht die, die am meisten arbeiten. Es sind die, die am leichtesten aufhören können. Die wissen, wann der Tag vorbei ist. Sie verteidigen dieses Ende, aber nicht weil sie weniger ambitioniert wären, sondern weil sie verstanden haben, dass die Arbeit nie fertig sein wird. Nie. Es wird immer noch etwas geben.

Die Frage ist nicht, ob man alles erledigt. Die Frage ist, ob noch ein Leben da ist, wenn der Tag vorbei ist. Und funktionieren, ohne zu leben, kann auch eine Maschine.

Mein Mann hat damals auf dem Spaziergang noch etwas gesagt, das ich erst später wirklich gehört habe. „Du bist verfügbar", sagte er. Und dann, nach einer Pause: „Aber nicht für mich.“ Er meinte es nicht als Vorwurf. Es war eine Beobachtung. Aber mehr brauchte es auch nicht.

> also mit dem Ende fühle ich mich irgendwie nicht so wohl, ich weiß nicht. Lass uns aber gerne darüber reden.