Der Fehler, den kluge Menschen beim Entscheiden machen

Mein Mann hatte letztens um halb neun angekündigt, um zehn ins Bett zu gehen. Er tat das mit der ruhigen Überzeugung eines Menschen, der einen klaren Plan hat. Um halb elf saß er noch auf dem Sofa, das Handy in der Hand, und scrollte durch nichts Bestimmtes. Er wirkte weder interessiert noch zufrieden. Er war einfach – versumpert (Versumpern ist österreichisch für: Man ist noch da, aber eigentlich schon weg).

Ich beobachtete das mit der Neugier einer Frau, die den ganzen Tag damit verbracht hat, anderen Menschen bei ihren Entscheidungen zu helfen. Und ich fragte mich, was genau hier gerade passierte.

Kennen Sie das? Vielleicht nicht mit dem Handy, aber vielleicht ist es das Durchzappen durch Fernsehkanäle, das nächste Glas Wein, das ziellose Klicken durch Tabs, die Sie schon dreimal gelesen haben. Der Tag war lang, der Kopf schwer, das Bett wäre die offensichtliche Wahl. Und trotzdem: nichts. Eine merkwürdige Lähmung, die sich nicht nach Müdigkeit anfühlt, sondern nach etwas anderem. Vielleicht nach Leere, vielleicht auch nach dem Unvermögen, auch nur noch eine einzige Entscheidung zu treffen, selbst wenn diese Entscheidung nur lautet: Licht aus.

Die naheliegende Erklärung ist Entscheidungserschöpfung. Eine bekannte Studie über israelische Richter zeigte, dass Gefangene nach der Mittagspause eine bis zu dreimal höhere Chance hatten, auf Bewährung entlassen zu werden. Der Grund lag nicht darin, dass sich die Fakten geändert hätten. Der Grund lag vielmehr darin, dass die Richter gegessen und kurz pausiert hatte. Später am Tag sank die Bewährungsrate auf nahezu null. Das erschöpfte Gehirn wählt die sicherste Option: ablehnen, verschieben, nichts tun. Oder eben: weiterscrollen.

Das klingt überzeugend. Und es ist auch nicht falsch.

Aber es erklärt nicht alles. Denn mein Mann hatte an diesem Abend keine schwierigen Entscheidungen getroffen. Er hat Mails beantwortet, Workshops moderiert, ein Angebot überarbeitet. Alles solide, tägliche Arbeit. Es war nichts außergewöhnlich Belastendes dabei. Und trotzdem ist er versumpert.

Ich glaube, das eigentliche Problem liegt woanders. Und es hat weniger mit der Anzahl der Entscheidungen zu tun als mit dem Gewicht, die wir jeder einzelnen davon geben.

Im Laufe meiner Arbeit stieß ich irgendwann auf den Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon, der in den 1950ern ein Wort geprägt hat, das sich fast unbeholfen anhört: satisficing. Es ist eine Verschmelzung aus satisfy und suffice, also befriedigen und genügen. Simons Argument war einfach und radikal: Wir optimieren nie wirklich. Wir suchen so lange, bis wir etwas finden, das gut genug ist, rein aus Vernunft.

Was mich daran trifft ist, dass die meisten Menschen, die ich kenne – kluge, gewissenhafte, professionelle Menschen – genau das nicht tun. Sie hören nicht auf, wenn sie eine gute Antwort haben. Sie fragen sich, ob es eine bessere geben könnte. Sie tun das nicht, weil es notwendig wäre, sondern weil Aufhören sich wie Nachlässigkeit anfühlt.

Ich habe das vor einigen Monaten bei einem Klienten besonders deutlich gesehen. Er ist ein erfahrener Abteilungsleiter, hat jahrelange Erfahrung und immer alle Fakten auf dem Tisch. Aber einmal brauchte er fast drei Stunden für eine Entscheidung, die ich in zwanzig Minuten getroffen hätte. Als ich ihn später fragte, was ihn so lange aufgehalten hatte, sagte er nach einem kurzen Zögern: „Ich wollte sichergehen, dass ich es richtig mache.“ Ich nickte. Und dachte dann den ganzen Nachhauseweg: Was genau meint man eigentlich mit richtig? Wenn man drei Stunden braucht für eine Entscheidung, die man eigentlich längst kennt?

Und hier, glaube ich, liegt der eigentliche Nerv.

Wir haben Gründlichkeit nicht zur nützlichen Gewohnheit erklärt. Wir haben sie zur Tugend erhoben. Das ist ein entscheidender Unterschied – vielleicht der entscheidendste überhaupt. Eine Gewohnheit können Sie ablegen, wenn der Kontext es verlangt. Eine Tugend nicht. Denn wer eine Tugend aufgibt, ist ein schlechterer Mensch.

Das klingt dramatisch, aber ich glaube, genau so fühlt es sich an. Nur eben leise und im Hintergrund, den ganzen Tag lang.

Jede Abkürzung hinterlässt ein kleines Schuldgefühl. Jede Entscheidung, die Sie schneller getroffen haben als Sie könnten, fühlt sich nach einem kleinen Verrat am eigenen Berufsethos an. Jedes Mal, wenn Sie aufgehört haben zu suchen, obwohl Sie noch hätten weitermachen können, sitzt da dieser Gedanke: War das gut genug? War ich gut genug?

Das sind keine großen Erschütterungen. Aber sie summieren sich. Und irgendwann, um halb zehn auf dem Sofa, ist nichts mehr übrig. Nicht für das Buch, das Sie lesen wollten, nicht für das Gespräch, das Sie führen wollten, nicht mal für die Entscheidung, das Handy wegzulegen.

T.S. Eliot schrieb, dass Menschen zu viel Wirklichkeit nicht aushalten können. Für Menschen in meinem Beruf gilt das besonders für die Wirklichkeit einfacher Antworten. Wir sind trainiert, hinter jeder schlichten Lösung die versteckte Komplexität zu suchen. Manchmal ist das richtig. Häufiger ist es eine Schutzreaktion gegen das Unbehagen, nicht gründlich genug gewesen zu sein.

Was ich mich seither frage ist, wie man da wieder rauskommt? Die Antwort lautet nicht durch mehr Disziplin oder durch bessere Zeitplanung, sondern durch etwas, das sich zunächst fast verdächtig passiv anfühlt.

Der Philosoph Josef Pieper schrieb 1948, dass echte Muße nicht Nichtstun ist. Sie ist die Fähigkeit, der Wirklichkeit zu begegnen, ohne sie sofort bearbeiten zu müssen. Es ist eine innere Erlaubnis, manche Dinge so zu lassen, wie sie sind, auch wenn man sie verbessern könnte. Für jemanden, der Gründlichkeit zur moralischen Kategorie gemacht hat, ist das keine Kleinigkeit. Das ist ein Glaubenssatz, der aufgegeben werden muss.

Ich habe versucht, das in meinem eigenen Alltag anders zu handhaben. Morgens, bevor der Tag richtig beginnt, frage ich mich, welche zwei oder drei Entscheidungen heute wirklich mein bestes Urteil brauchen. Es geht nicht darum, welche wirklich wichtig sind – das sind fast alle. Es geht darum die Entscheidungen zu treffen, die wirklich unvertretbar sind, also Dinge, bei denen eine schnelle Faustregel echten Schaden anrichten würde. Alles andere versuche ich zügig zu entscheiden und gehe weiter.

Das Schwierige daran ist aber nicht die Methode. Es ist das Gefühl, das die ersten Wochen jede schnelle Entscheidung begleitet hat. Dieses leise Unbehagen: Hätte ich länger nachdenken sollen? Bin ich jetzt nachlässig? Ich habe gelernt, dieses Unbehagen als das zu lesen, was es ist. Es ist kein Hinweis auf einen Fehler, sondern eine Entzugserscheinung. Es ist das Geräusch einer Überzeugung, die langsam loslässt.

Die Erschöpfung, die uns abends versumpern lässt, kommt selten von zu vielen Entscheidungen. Sie kommt davon, dass wir zu viele davon wie eine Prüfung unseres Charakters behandelt haben.

Mein Mann hat das Handy übrigens um kurz nach elf weggelegt. Er hat es nicht bewusst entschieden, sondern der Akku war leer. Manchmal, glaube ich, braucht es einfach eine äußere Grenze, weil die innere an diesem Abend längst aufgebraucht ist.