Warum Entschuldigung als Radiergummi missbraucht die Teamarbeit erschwert

Vor einiger Zeit war ich in einem sehr großen Projekt als Innovationsberaterin unterwegs. In den wöchentlichen Meetings trafen unterschiedliche Experten und Teammitglieder zusammen. Wir besprachen dabei unsere Ergebnisse aus den diversen Interviews und Beobachtungen und machten gemeinsame Überlegungen, in welche Richtungen wir weiter vorgehen sollten.
Zu diesem Team gehörte auch eine Frau mittleren Alters, die seit Jahren erfolgreich die Marketingabteilung des Unternehmens führt. Diese Dame hatte die Angewohnheit, sich bei jeder möglichen Gelegenheit während eines Gesprächs zu entschuldigen. Sobald sie etwas mitteilte, entschuldigte sie sich zum Beispiel zunächst dafür, dass sie das Wort ergriff. Wenn sie anderer Meinung war, führte sie das mit einer Entschuldigung ein. Sie entschuldigte sich, wenn sie etwas an das Flipchart malen wollten - anstatt es einfach zu tun. Und so weiter. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich gefühlte 100-mal in einem Gespräch zu entschuldigen - immer mit dem Satz "Entschuldigen Sie bitte, aber..." Das erschwerte die Kommunikation im Team ungemein. Das, was sie sagte, war zwar immer interessant und wichtig, aber sie selbst machte es mit den einführenden Entschuldigungs-Sätzen bereits im Vorfeld so klein, dass es schwer für alle anderen war, ihre Aussagen noch würdigen zu können.

Die Krux mit Gesprächsritualen

Diese Angewohnheit hat vor allem zu einem geführt: Irritation. Der Weg zu einer gemeinsamen Lösungsfindung wurde dadurch steinig und schwer. Und zwar nicht, weil sich die Teammitglieder über einen wichtigen Punkt nicht einigen konnten, sondern weil die Kommunikation auf derart unterschiedlichen Ebenen abgelaufen ist.

Rituale in Gesprächen sind immer so individuell wie die Menschen selbst, mit denen wir uns Tag für Tag in unterschiedlichen Situationen austauschen. Erst wenn wir beginnen, unser Gegenüber in seiner ganzen Individualität zu begreifen und zu lernen, die verschiedenen Nuancen herauszuhören, können wir damit starten, einander wirklich zu verstehen und in Gesprächen zu begegnen.

Gewohnheitsmäßige Entschuldiger blockieren unbewusst die Verständigung ungemein. Das Gefährliche bei dieser Art der Entschuldigung ist nämlich, dass der Sprecher dabei nicht die Verantwortung für das Gesagte übernimmt, sondern meistens unbewusst auf etwas aufmerksam machen oder seine Anteilnahme bekunden möchte. Mit dieser Art der Entschuldigung wird versucht, auf Augenhöhe zu kommunizieren und ein Gleichgewicht im Gespräch herzustellen, das aufgrund der eigenen Unsicherheit vorab nicht so sichtbar war. Aber genau das Gegenteil tritt ein und so stolpert die Diskussion vielmehr ins Ungleichgewicht. Die Folge: Missverständnisse erschweren von Anfang an die Kommunikation, was wiederum in einer Verzögerung in der gemeinsamen Lösungsfindung endet.

Stellen Sie die Symmetrie wieder her

Damit das Miteinander gelingt, ist es wichtig, sich der verschiedenen Rituale, denen wir uns im Alltag bedienen (und Entschuldigung ist nur eines von vielen, mehr dazu in meinen nächsten Beiträgen), bewusst zu sein. So unterschiedlich die Erfahrungen der Menschen sind, so verschieden sind auch die Methoden, mit denen jeder versucht, sein Ziel zu erreichen bzw. sich auszudrücken.

Je besser Sie auch Ihre eigenen Eigenheiten kennen, desto besser können Sie mit den Reaktionen der anderen darauf umgehen. Und umgekehrt: Je schneller Sie die Rituale Ihrer Gesprächspartner erkennen, desto gezielter können Sie Ihre eigenen Aussagen darauf wählen. Wenn Projekte gelingen sollen, ist Kommunikation und Austausch das A und O. Und gelungene Kommunikation ist vor allem eines: ein ausgeglichenes Geben und Nehmen.