Konzentration! Warum Fokussierung der Kreativität schadet

Gehören Sie auch zu den Menschen, denen es schwerfällt, das permanente Gedudel und Geplätscher des Radios im Hintergrund zu ignorieren? Oder vielleicht kennen Sie einen dieser Momente, in denen Sie eine großartige Idee hatten, die Ihnen aber wieder entfallen ist, und all das Zermartern Ihres Hirnes nicht dabei hilft, draufzukommen, was es nochmals war? Wenn Sie einer dieser Situationen aus Ihrem eigenen Alltag kennen, dann passt das in die Reihe neuester Forschungen, die zeigen, dass kreative Menschen auf andere Art und Weise aufmerksam sind.

In unseren Design Thinking Workshops arbeiten wir bewusst in verschiedenen Phasen mit Musik. Diese sollen die Teilnehmer ablenken und verstören. Wir haben festgestellt, dass sie so einen besseren Zugang zu ihrer eigenen Kreativität bekommen. Die Ideen, die während dieser Sessions entstehen, sind in der Regel viel außergewöhnlicher und abseits der üblichen Lösungen.

Diese Erkenntnis deckt sich auch mit einer neuen Studie. Dabei fanden Psychologen heraus, dass die Aufmerksamkeit von kreativen Menschen sehr "löchrig" ist. Das bedeutet, dass, wenn Kreative sich auf eine Sache konzentrieren, andere irrelevante Informationen immer noch in ihrem Bewusstsein herumspringen (Informationen, die für die gegenwärtige Aufgabe irrelevant sind, aber möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt sehr nützlich sein können). Wenn wir eine Metapher bemühen wollen, würde diese hier gut passen: Die Aufmerksamkeit von kreativ-denkenden Menschen ähnelt einer Laterne, deren Licht mehr wie ein Kegel viele verschiedene Dinge gleichzeitig beleuchtet, während das Denken von weniger Kreativen dem Leuchten eines Scheinwerfers ähnelt, der sich auf eine Sache konzentriert und diese stark bestrahlt.

Bei jener Studie wurde nun den Teilnehmern eine Reihe von Buchstaben gezeigt, die sich aus ganz vielen kleinen Elementen eines anderen Buchstabens bilden (auch Navon Effekt genannt). Dabei wurde ein großes S aus vielen kleinen Es oder ein großes A aus kleinen Hs konstruiert. Vor jeder gezeigten Einblendung erschien ein Symbol auf dem Bildschirm, das den Teilnehmern mitteilte, ob sie sich auf den großen oder die kleinen Buchstaben konzentrieren sollten. Die Aufgabe der Teilnehmer war einfach: Es ging darum, so schnell wie möglich zu sagen, ob ein S oder H gezeigt wurde - und ob klein oder groß.
Was zunächst ganz einfach klingt, entpuppte sich aber in der Umsetzung als schwieriger als gedacht. Denn so setzte sich das große H nicht immer aus kleinen Hs zusammen, sondern auch mal aus vielen kleinen Ss. Denn die Forscher interessierten sich vor allem für ein besonderes Detail: Was passierte mit der Aufmerksamkeit, wenn die Teilnehmer explizit dazu aufgefordert wurden, ein bestimmtes Detail zu ignorieren?

Das interessante war, dass je kreativer die Teilnehmer sich selbst im Vorfeld einschätzten, desto mehr wurden sie abgelenkt von dem, das sie eigentlich ignorieren sollten. Es war, als würde die Information, die sie ausblenden sollten, trotzdem irgendwie in ihr Bewusstsein hineinsickern.

Zwar beruht diese Forschung auf den subjektiven Kategorisierungen der Teilnehmer selbst. Aber trotzdem zeigt sich, dass Fokussierung alleine nicht immer die besten Ergebnisse bringt, sondern je nach Fragestellung mal mehr und mal weniger angestrebt werden sollte.

Je kreativer Sie sind, desto schwieriger ist es meistens, sich auf bestimmte Arbeiten zu fokussieren. Vielleicht gehen Sie zum Arbeiten gerne in ein Café, um sich inspirieren zu lassen. Wenn Sie allerdings eine wichtige Arbeit erledigen müssen, die Ihre volle Aufmerksamkeit erfordert, sollten Sie aber vielleicht das nächste Mal bewusst diese Ablenkung meiden. Wechseln Sie dann auch nicht zu häufig zwischen den Aufgaben hin und her, denn dieses Springen zwischen verschiedenen Projekten macht es schwieriger, Sachen zu Ende zu bringen. Planen Sie lieber genügend Zeit ein, um sich auf eine Sache zu konzentrieren, um sicherzustellen, dass Sie ausreichend Pausen dazwischen einlegen können.

Aber hüten Sie sich, sich zu sehr zu isolieren, denn dann könnten Sie riskieren, Ihre wichtigste Kraft zu verlieren - Ihre Kreativität.