Kennen Sie die verschiedenen Gesichter des Burnout-Syndroms?

Burnout ist ein sehr komplexes Thema. Es rangiert ganz weit oben auf der traurigen Rangliste der psychischen Erkrankungen. Schätzungen zufolge betrifft es bis zu 13 Millionen Menschen. Das ist ein ernstzunehmendes Problem, das nicht ignoriert werden darf und entsprechend behandelt werden muss. Dabei zeigt sich diese Erkrankung in den unterschiedlichsten Facetten: Sie reicht von Abgeschlagenheit, Unkonzentriertheit bis hin zu Monotonie, Motivationsmangel und leeren (kreativen) Reserven.

Eine langsame, aber stetige Anhäufung kleiner und großer Stressfaktoren wirkt sich über kurz oder lang auf die Art und Weise aus, wie Sie arbeiten - und denken. Unser menschliches Hirn ist eigentlich nur für kurze Stresssituationen ausgelegt. Sobald der Stress chronisch wird, bleibt ein enger Fokus bestehen und wir bekommen Schwierigkeiten, uns auf andere Dinge zu konzentrieren. Umso wichtiger ist es daher, die schleichende Erschöpfung als solche zu erkennen und rechtzeitig einzugreifen - noch bevor Ihre Produktivität, Persönlichkeit und körperliche, seelische Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen wird.

Die verschiedenen Stufen

Das Risiko, unbemerkt ein Burnout zu erleiden, ist auch deswegen so hoch, weil der Verlauf sehr heimtückisch ist. Langsam und zunächst kaum sichtbar schleicht sich das Syndrom ein. Schließlich ist Stress ein normaler Zustand bei der Arbeit. Sätze wie "Das geht schon wieder vorbei." sind nicht selten. Bis es irgendwann zu viel wird.

Wer den Erwartungen nicht gerecht werden kann, Angst vor der Konkurrenz hat oder um seinen Beruf bangt, erhöht den Stress automatisch. Die Ursachen für Burnout sind aber nicht nur äußere Faktoren reduziert. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel aus einem belastenden Arbeitsumfeld, der eigenen Erwartungshaltung und dem Unwillen, die Komfortzone zu verlassen.

Der Psychologe Herbert Freudenberger setzte sich als erstes 1974 wissenschaftlich mit dem Burnout-Begriff auseinander. Im Zuge seiner Forschung entwickelte er ein 12-phasiges Modell, bei denen die Stufen aufeinander aufbauen.

1. Sie erleben einen gesteigerten Ehrgeiz und entwickeln einen Zwang, sich beweisen zu müssen.

2. Sie zeigen verstärkt Einsatz, reißen neue Aufgaben förmlich an sich, machen unbezahlt Überstunden und arbeiten auch freiwillig an freien Tagen und Wochenenden.

3. Sie beginnen Ihre persönlichen Bedürfnisse zu vernachlässigen und greifen zum Ausgleich zu Sucht- und Aufputschmittel wie Kaffee.

4. Sie verdrängen aufkeimende Konflikte und Bedürfnisse. Sie vergessen Termine, erledigen versprochene Aufgaben nicht, werden ungenau und erleben einen Mangel an Energie.

5. Sie beginnen Ihre Werte umzudeuten. Freunde und Familie werden vernachlässigt und einst geliebte Hobbys als irrelevant angesehen. Ihre Arbeit wird zum Mittelpunkt Ihres Daseins.

6. Sie verleugnen auftretende Probleme. Probleme werden als durch Zeitdruck und Arbeit verursacht angesehen, nicht aufgrund der Lebensveränderungen. Sie werden intolerant, zynisch, aggressiv und ungeduldig anderen gegenüber. Generell werden soziale Kontakte immer schwieriger. Es kommt zu vermehrten Fehlzeiten, verspäteten Arbeitsbeginn und vorverlegten Arbeitsschluss.

7. Sie ziehen sich noch mehr aus dem sozialen Leben zurück und erleben Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit, Ohnmachtsgefühle, innere Leere. Sie suchen Ersatzbefriedigung durch Essen, Alkohol, Drogen etc. Erste psychosomatische Reaktionen zeigen sich in Form von Gewichtsveränderungen, Herzklopfen, Bluthochdruck.

8. Sie reagieren sehr schnell gereizt und ungeduldig. Ein einziges falsches Wort genügt und Sie explodieren regelrecht.

9. Zunehmende Vereinsamung und Depersonalisierung stellt sich ein. Freunden und Familien fällt die Verhaltensänderungen deutlich auf.

10. Sie versuchen Antriebsschwäche und das Gefühl der inneren Leere durch Ersatzhandlungen zu kompensieren.

11. Depression, Angst, Gefühl der Unsicherheit und Erschöpfung lässt sich nicht mehr wegschieben. Die Zukunft wirkt nur mehr düster und dunkel.

12. Sie erleben völlige Erschöpfung. Diese kann einen totalen geistigen und körperlichen Zusammenbruch beinhalten. Allerspätestens hier ist eine medizinische und psychische Behandlung unumgänglich.

Und nun?

Sie können reagieren, indem Sie beispielsweise einen Sabbatical einfordern. Dieser Schritt ist aber nicht nur radikal, sondern schlicht und ergreifend auch nicht immer möglich. Oft haben wir viele verschiedene Verantwortlichkeiten und können nicht einfach den Schreibtisch verlassen, den Rucksack packen und losziehen.

Es gibt noch andere Maßnahmen, die helfen. Der wichtigste Schritt ist aber immer der, dass Sie sich Hilfe von anderen holen. Erst wenn Sie Ihre Energie aufgetankt und die Perspektiven zurechtgerückt haben, sind Sie in der Lage, über praktische Schritte nachzudenken. Dazu gehört:

  • Hören Sie auf, sich selbst ständig zu motivieren und ablenken zu wollen: Widerstehen Sie dem Drang, unangenehmen Gefühle wegzuschieben. Konzentrieren Sie sich mal für einige Sekunden auf Ihren Atem - und lassen Sie dann Ihre negativen Gedanken zu. Sie werden sehen, dass Sie ruhiger werden und sich die Negativität langsam auflöst.

  • Wechseln Sie häufiger Ihren Standort: Dadurch machen Sie automatisch Ihre Arbeit überschaubar und gönnen sich mehr Pausen.

  • Machen Sie Pausen zu einem täglichen Ritual: Sie können alles von Meditation über ein Nickerchen machen. Oder einfach mal raus aus dem Haus für einen Spaziergang gehen. Oder das WLAN für eine Weile ausschalten. Suchen Sie sich das aus, was Ihnen am meisten liegt. Tragen Sie sich ein Rendezvous mit sich selbst und Ihrer Gesundheit im Kalender ein.

  • Verabschieden Sie sich vom Perfektionismus. Der Versuch, jede Aufgabe zu optimieren und das Beste herauszuholen, führt garantiert zur Erschöpfung. Sagen Sie sich selbst, dass die Arbeit nicht perfekt sein muss, sondern dass Sie gut sind, wie Sie sind. Schreiben Sie sich doch mal Fanpost und gratulieren Sie sich auch zu kleinen Erfolgen.

Zusammenfassend

Die Symptome des Burnouts reichen von harmlosen Gedanken, denen Sie wahrscheinlich jeden Tag bei der Arbeit begegnen, bis hin zu besorgniserregenden Verhaltensänderungen. Wichtig ist auf die ersten, stillen Anzeichen zu achten, anstatt sie als unausweichlichen Teil eines harten Berufslebens zu identifizieren. Es ist immer einfacher, einen Zustand zu heilen, wenn Sie ihn frühzeitig abfangen. Schütteln Sie frühe Warnzeichen nicht einfach ab, nur weil Sie sich lächerlich vorkommen. Nehmen Sie sich und Ihre Gefühle ernst.