Kein Platz für Querdenker?

Ob wir wollen oder nicht, auf eine gewisse Art und Weise ist ein jeder von uns Konformist. Es ist Teil unserer menschlichen Natur. Wir würden nicht in menschlichen Gesellschaften leben können, wenn wir keine Konformisten wären. Einerseits weil es bequemer ist, andererseits aber auch, weil der Mensch nun mal ein soziales Wesen ist. Mit dem Strom zu schwimmen, verleiht uns das angenehme Gefühl von Sicherheit und davon "richtig zu sein". Querdenker haben es mitunter wesentlich schwerer.

Was ist Konformität überhaupt?

Positiv formuliert könnte Konformität als ein wichtiges Schmiermittel sozialer Kontakte beschrieben werden. Dank ihr werden Konflikte vermieden, dass gemeinschaftliche Miteinander erleichtert und zum Teil sogar erst ermöglicht. Mit böser Zunge gesprochen, ist Konformität hingegen nichts anderes, als das Phänomen des Gruppenzwangs.

Die Sozialpsychologie nennt vor allem zwei Gründe für Konformität: Der erste hat mit Informationen und Pragmatik zu tun: Nehmen wir an, Sie stehen vor zwei Brücken. Sie beobachten, wie eine Masse an Menschen über die erste Brücke gehen und die zweite Brücke meiden - welche Brücke würden Sie wählen? Ziemlich sicher ebenfalls die erste, weil Sie sicher am anderen Ende der Brücke ankommen möchten und (unbewusst) davon ausgehen, dass die anderen etwas über die Brücken wissen, das Sie nicht wissen.

Ein großer Vorteil des Lebens in einer Gesellschaft ist, dass wir nicht alles mittels Versuch und Irrtum am eigenen Leib lernen müssen. Wir müssen nicht die zweite Brücke überqueren und abwarten, ob sie zusammenbricht oder nicht, um zu lernen, dass wir sie doch besser hätten meiden sollen. Wir sehen, dass andere danke der ersten Brücke sicher und lebend am Ziel ankommen und die zweite Brücke meiden. Ergo wählen wir ebenfalls die erste Brücke. Dieses Vorgehen wird in der Psychologie Informationseinfluss genannt.

Der zweite Grund, der für Konformität spricht, liegt darin den Zusammenhalt einer Gruppe zu fördern und von anderen in der Gruppe akzeptiert zu werden. Unser Überleben und Wohlbefinden hängt von unserem Zusammenleben in sozialen Gruppen ab, sei es in Kulturen, Nationen, Freundschaften oder bei der Arbeit. Soziale Gruppen können nur dann existieren, wenn ein gewisses Maß an Verhaltensübereinstimmung innerhalb der Gruppe besteht. Konformität erlaubt es einer Gruppe, als eine gemeinsame Einheit zu agieren, anstatt wie eine Menge an einzelnen Personen zu handeln. Wir neigen dazu, die Ideen, Mythen und Gewohnheiten unserer Gruppe zu übernehmen, weil wir so ein Gefühl der Nähe zu anderen erzeugen, das wiederum Akzeptanz fördert und der Gruppe letztlich ermöglicht, als Einheit zu funktionieren. Teil einer Gruppe zu sein oder von der Gruppe akzeptiert zu werden ist das, was normativer Einfluss genannt wird.

Aschs klassisches Experiment zur Konformität

Das ist alles schön und gut, aber manchmal führt uns unsere starke menschliche Tendenz zu entsprechen, zu Dingen, die wir sagen oder machen, die aber objektiv keinen Sinn ergeben.

Dazu ein Beispiel aus einer klassischen Reihe von Experimenten, die von den Sozialpsychologen Salomon Asch in den 1950er Jahren durchgeführt wurde. Aschs Verfahren ging wie folgt: Ein Freiwilliger wurde in ein Labor gebracht und setzte sich zu sechs bis acht anderen Studenten. Der Gruppe wurde nun gesagt, dass es darum gehen würde, die Längen der Linien zu beurteilen. Bei jedem Versuch wurde ihnen eine Standardlinie und drei Vergleichslinien gezeigt. Die Studenten wurden gebeten, zu beurteilen, welche Vergleichslinie die gleich lang wie die Standardlinie wäre. Diese Wahrnehmungsaufgabe schien absurd einfach, da eine Vergleichslinie eindeutig die gleiche Länge wie die Norm hatte, während die anderen beiden deutlich unterschiedlich lang waren. Natürlich war das kein Wahrnehmungs-Test, sondern – Sie ahnen es bestimmt – ging es um Konformität. Außer dem einen freiwilligen Probanden waren alle anderen eingeweiht und wurden angewiesen, eine bestimmte Antwort in einem selbstbewussten Tonfall von sich zu geben. Je nach Reihenfolge der (absichtlich gewählten) Sitzplätze wurden die Entscheidungen laut und deutlich von den Gruppenmitgliedern ausgesprochen.

Wie reagierten unsere Probanden? Sie entschieden sich in den meisten Fällen ebenfalls für den Mehrheitsbeschluss – trotz des Wissens, dass diese Antwort falsch war. 76% der Testpersonen schlossen sich mindestens einmal dem falschen Urteil der Gruppe an. Lediglich rund ein Viertel ließ sich nicht von der Gruppe beeinflussen und verhielt sich nicht konform.

Später befragte Asch die Probanden, warum sie sich gegen die eigene Meinung entschieden hätten. Die Begründungen sind ebenso erstaunlich: Weil sie unsicher gewesen wären, hätten sich die Probanden sicherheitshalber der Mehrheit angeschlossen. Andere sagten, sie hätten Angst vor dem Ausschluss aus der Gruppe gehabt, wenn sie sich offensichtlich gegen die Mehrheit stellten. Wieder andere wollten einfach nicht auffallen und schlossen sich deswegen der Mehrheit an. Nur wenige behaupteten, es wie die Mehrheit gesehen zu haben.

In der anschließenden Forschung zeigte Asch, dass der Hauptgrund für die Konformität in diesem Fall normativ, nicht informativ war. Das Experiment wurde ein zweites Mal durchgeführt, aber dieses Mal so, dass die Antworten teilweise anonym abgegeben wurden, sodass andere das Urteil nicht hörten. Das Ergebnis: Es gab viel weniger Konformität. Die Teilnehmer lagen bei weitem richtiger, wenn niemand wissen konnte, was sie gewählt hatten. Wenn jeder um Sie herum darauf besteht, dass schwarz weiß ist, braucht es beträchtlich viel Mut, um laut zu sagen "Nein, das ist schwarz, nicht weiß."

Jede Kultur hat soziale Normen, die Menschen weitgehend wegen der negativen Folgen des Erscheinens unterschiedlich folgen. Im Allgemeinen helfen uns die meisten dieser Normen, aber einige sind schädlich.

Entscheidungsfreiheit gewinnen - mit Konformität

Konformität ist per se nicht schlecht oder gut. So wären die meisten Gesellschaftsformen ohne Konformität nicht denkbar, geschweige denn funktionsfähig. Andererseits basieren Innovationen bzw. jeder kreative Akt in der Regel auf dem bewussten Bruch mit Traditionen sowie mit bisherigen sozialen wie strukturellen Normen.

Letztlich kommt es also darauf an, sich bewusst zu machen, wann man sich anpasst und warum. Wer verstanden hat, wie und wann die geschilderten Effekte greifen, der hat viel an Handlungs- und Entscheidungsfreiheit gewonnen. Im Design Thinking bedienen wir uns verschiedenen Techniken (s. Advocatus Diaboli), um bewusst mit diesem Wissen zu arbeiten.