Gibt es negative Empathie?

Empathie ist für mich die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen und am eigenen Körper zu spüren, was der andere erlebt. Es bedeutet, über die Eigenständigkeit hinauszugehen und in anderen Lebensraum einzutreten. Ich glaube, dass nichts so wichtig ist und auch in Zukunft so wichtig sein wird, wie die menschliche Qualität Empathie.

Empathie schließt in gewisser Weise Grausamkeit aus. Es ist schier unmöglich, eine andere Person zu schädigen, wenn Sie das Leiden eins zu eins spüren, das Sie verursachen. Vielmehr werden Sie automatisch einen starken Impuls fühlen, das Leid anderer zu lindern. Auf diese Weise ist Empathie die Quelle der meisten Verhaltensweisen, die wir mit Güte verbinden wie Mitgefühl, Nächstenliebe oder auch Altruismus.

Gibt es ein Zuviel?

Aber ist es möglich, zu viel Einfühlungsvermögen zu haben? Wenn wir mit anderen Menschen mitfühlen, ist es möglich, dass wir von ihren Gefühlen überschwemmt werden, besonders wenn diese negative Zustände erfahren?

Ich denke, dass das eine wirklich reale Gefahr ist, die mehr und mehr Menschen tagtäglich erleben. Menschen, die auf das Leid und die Erfahrungen anderer Menschen so empfindlich reagieren, bis sie selbst überwältigt sind und anfangen das Leid zu erleben. Das geht im schlimmsten Fall so weit, dass die eigene physische und psychische Gesundheit ernsthaft in Gefahr ist.

Im Allgemeinen ist es eine positive Erfahrung, wenn unsere Wahrnehmungen intensiver werden. Die Welt um uns herum wird lebendiger, bunter und schöner. Aber in bestimmten Situationen ist es möglich, dass wir zu viel wahrnehmen und von unglaublich vielen Sinneseindrücken überwältigt werden. Dieser Zustand wird unter anderem von Personen berichtet, denen Schizophrenie diagnostiziert wurden: Dass sie die Dinge so intensiv und so detailliert wahrnehmen, dass es bedrohlich wirkt. Sie beginnen es als unmöglich zu empfinden, sich auf praktische Aufgaben zu konzentrieren oder klar zu denken.

Wie Sie mit negativer Empathie umgehen können

Bedeutet diese Gefahr im Umkehrschluss, dass Sie Ihre eigene Fähigkeit, Empathie für andere empfinden zu können, zurückhalten müssen? Menschen, die in der Vergangenheit bereits emotional verletzt wurden, wählen diesen Ansatz. Um das Risiko zu mindern, nochmals diesen Schmerz zu fühlen, bauen sie eine Art Festung um sich.

Dabei ist Empathie eine der wertvollsten und wichtigsten Fähigkeiten der Menschen und es wäre absurd und auch gefährlich, wenn wir diese unterdrücken würden. Ich glaube, dass das auch nicht notwendig ist, wenn wir den für uns richtigen Weg gehen.

Das Wichtigste dabei ist, sich nicht mit dem Leid anderer Menschen zu identifizieren. Wir sollten es zulassen, dass das Leiden anderer Menschen durch uns hindurchfließt wie ein Fluss. Aber klammern Sie sich nicht daran und beginnen Sie nicht, eine eigene Geschichte daraus zu machen und diese Geschichte detailliert am eigenen Körper zu erleben. Wir können von der Erfahrung anderer durchaus ehrlich betroffen sein, sobald wir es hören, und in geeigneter Weise darauf reagieren, aber danach sollten wir es auch wieder ruhen und loslassen.

Das ist vielleicht schwierig, aber nicht unmöglich. Wenn wir emotionale Schmerzen als Individuen erleben, machen wir oft den Fehler, uns einzuriegeln und darin aufzugehen. Das passiert zum Beispiel oft bei Erfahrungen, die peinlich oder enttäuschend waren, über die wir oft lange darüber hinaus nachdenken. Während wir darüber sinnieren und uns die Details ausmalen, beginnt diese Erfahrung uns noch tiefer zu verletzten. Schließlich bauen wir mehr Groll und Ärger auf. Normalerweise verheilt ein emotionaler Schaden schnell. Vielmehr ist es eine Art Versteifung auf bzw. die Identifizierung mit der Erfahrung, die den Schmerz verursacht.

Das gilt auch für das Leid anderer Menschen: Es ist wichtig für uns, einen Ort der Stabilität zu finden, wo wir mit anderen Menschen zwar mitfühlen können, aber in einer Art und Weise, sodass wir uns nicht mit ihrem Leid identifizieren. Das heißt nicht, dass Sie unnahbar oder vollkommen abgekapselt sein sollen. Sondern es bedeutet, dass Sie sich mit dem Leben anderer Menschen beschäftigen, aber gleichzeitig nicht in deren Leben aufgehen. Wenn Sie diesen Spagat schaffen, dann können Sie auch wirklich sinnvoll auf das Leid anderer reagieren.

Idealerweise führt Empathie zu Altruismus - wohlwollende Handlungen, die helfen, das Leiden anderer zu lindern. Wenn wir aber zu tief drinnen sind, kann ein solcher Zustand Zwietracht und Verwirrung schaffen, sodass wir nicht mehr gut handeln können.

Empathie als Unterstützung

Sich in jemanden einzufühlen bedeutet also nicht, mit dem anderen mitzuleiden. Im Gegenteil: Je weniger wir selbst leiden, desto besser können wir auf das Leiden der anderen reagieren.