Erzähl mir von deinen Zielen und ich sag dir, wie du tickst

Als Design Thinker bin ich in gewisser Weise Anthropologe: Ich beobachte und studiere Menschen in deren natürlichen Umgebung und achte auf ihr Verhalten. Aber das wirklich wunderbare, warum ich meinen Beruf auch so liebe und als Berufung sehe, ist, dass ich so wahnsinnig viel über mich selber lerne.

So habe ich neulich ein Buch von Brian Little gelesen, der folgenden Vorschlag macht: Nehmen Sie sich bewusst ein paar Minuten Zeit, um Ihre persönlichen Projekte und Zielvorhaben aufzuschreiben. Beispiele sind aufhören wollen zu rauchen, sich ein Haustier besorgen zu wollen oder ein Buch zu schreiben. Ganz egal was, die Liste muss auch nicht all Ihre Ideen und Pläne spiegeln. Nun sehen Sie sich genau Ihre Liste an. Die wirklich spannende Erkenntnis dabei ist:
Während Eigenschaften beschreiben, wer wir sind, sagen Projekte etwas über unser Handeln aus. Beide sind hervorragend miteinander austauschbar.

Verbringen Sie nun ein paar Momente damit, über jeden einzelnen Punkt auf Ihrer Liste nachzudenken, insbesondere über die Bedeutung für Sie: Wie sehr stimmt Ihr Vorhaben mit Ihrer Persönlichkeit und Ihren Werten überein? Empfinden Sie Freude, Stress oder Panik, wenn Sie daran denken? Ist das Projekt ein Gemeinschaftsvorhaben oder betrifft es noch jemanden außer Sie selbst? Wie viel haben Sie davon schon umgesetzt? Und wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie das Projekt auch jemals abschließen werden?
Sehen Sie sich nun auch Projekte an, die für Sie in der Vergangenheit wichtig waren. An diesen können Sie besonders Ihre Werte ablesen. All diese Fragen führen zu verschiedenen Dimensionen (auch unter dem BIG-Five bekannt, Little selbst nennt sie Personal Project Analysis):

  • Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit),
  • Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus),
  • Extraversion (Geselligkeit),
  • Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie) und
  • Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit).

Wie sich persönliche Vorhaben auf uns auswirken

Sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit glücklicher, wenn Sie Ihre persönlichen Projekte erreichen und umsetzen. Tatsächlich hat Little festgestellt, dass unser Vertrauen in die Verwirklichung unserer Projekte ein noch wichtigerer Faktor für unser Wohlergehen ist als wie viel Bedeutung letztlich ein bestimmtes Projekt hat. So zeigen seine Studien, dass, wenn jemand ein persönliches Projekt umsetzt, das ihn oder sie stresst, sich massiv auf das Wohlbefinden desjenigen auswirkt - es ist für die meisten sogar schlimmer als andere Faktoren wie beispielsweise Armut. Die perfekte Kombination besteht nun darin, ein oder mehrere persönliche Projekte zu verfolgen, die sowohl erreichbar als auch absolut wichtig für Sie sind und vor allem, die widerspiegeln, was für Sie im Leben wichtig ist.
Natürlich gibt es noch viele weitere Dinge dabei zu beachten. So sind Ihre Projekte ziemlich sicher erfolgreicher und nachhaltiger, wenn Sie sie aus eigenen Gründen verfolgen und nicht einfach jemandem anderen gefallen möchten.

Am interessantesten ist aber, dass, wenn Sie diese persönlichen Projekte ansehen, Sie erkennen können, dass manche dieser Projekte Ihnen dabei helfen, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen. So zeigt Little, dass Introvertierte mehr zu extravertieren neigen als sie selbst glauben. Gleichzeitig warnt Little davor, zu viel Bedeutung dahineinzulegen und trotzdem der eigenen Intuition besser zu folgen.

Überdenken Sie Ihre Pläne

Bewaffnet mit diesem Wissen sollten Sie einmal bewusst auf Ihre Notizen blicken und eine Art persönliche Projektbewertung durchführen. Gibt es Projekte, die Sie als sehr belastend und unmöglich zu erreichen eingestuft haben? Wenn ja, und wenn diese Projekte noch dazu wenig Bedeutung für Sie haben, sollten Sie sie vielleicht fallenlassen.

Wenn dieselben Projekte vielleicht notwendig oder für Sie persönlich wichtig sind, haben Sie so möglicherweise eine wichtige Quelle des Unglücks in Ihrem Leben identifiziert. Wenn Projekte auf diese Weise "stecken", empfiehlt Little verschiedene Strategien, um Fortschritte zu erzielen:

Etappenziele statt Mammutprojekte

Gestalten Sie Ihr Projekt um, damit es gelingt (so könnten Sie Etappenziele einführen wie jeden Tag 1 Seite schreiben, um das Buch fertig zu stellen). Dass dieses Vorgehen unsere Erfolgsaussichten positiv beeinflussen, haben im Übrigen auch schon andere Untersuchungen gezeigt: Konkrete Formulierungen "Schreiben Sie für eine halbe Stunde jeden Tag" ist oft erfolgreicher als vage Vorhaben wie "Jeden Tag eine halbe Stunde".

Concept Matching als Ausweg

Eine andere Strategie, die für blockierte Projekte empfohlen wird, ist die Verwendung von "concept matching": Dabei suchen Sie metaphorische Parallelen zwischen dem nicht erfolgreichen Projekt und einem komplett anderen Bereich, in dem Sie viel Expertise haben. Wenn Ihr Buchprojekt zum Beispiel steckt und Sie Theater lieben, erstellen Sie zwei Listen. Die eine sollte die Aspekte des Schreibprojekts beschreiben und die andere sich mit allgemeinen Elementen befassen, die aufzeigen, was für Sie das Besondere am Theater ist. Der Trick ist nach Parallelen zu suchen, die kreative Lösungen für Ihr feststeckendes Projekt freischalten. Was entspricht beispielsweise Ihrem Schreibprojekt verglichen mit einer Aufführung? Mit solchen Fragen können Sie neuen Schwung in Ihr Projekt bringen.

Und die Moral von der Geschicht?

Wenn wir nun einen Schritt zurücktreten, dann zeigt Littles Erkenntnis vor allem eines: Menschen sind veränderungsfähig und werden im Grunde von drei Kräfte im Leben beeinflusst: den biogenen Naturen (ob wir physiologisch extravertiert, introvertiert oder was auch immer sind), unsere soziogenen Naturen (unsere Erfahrungen, die Kultur, in der wir leben und unser Umfeld) und schließlich unsere idiogene Naturen, die aus unseren persönlichen Projekten bestehen. Je sorgfältiger Sie also Ihre nächsten Projekte auswählen, desto mehr werden Sie letztlich auch erreichen können. Und desto glücklicher werden Sie auch insgesamt sein. Wenn das nicht das schönste Ziel ist...