Das kreative Genie existiert nicht

Die Geschichte der Schöpfung, Erfindung und Entdeckung wird seit Jahrhundert genährt von verschiedenen "Kreativitätsmythen": Unzählige Erzählungen berichten davon, dass die kreative Brillanz die Domäne von wenigen Menschen sei. Ein Glaubenssatz, der schadet, denn um kreative Lösungen zu entwickeln, müssen wir der eigenen Kreativität vertrauen, hartnäckig auf ein Ziel hinarbeiten, ohne uns von der Angst vor dem Scheitern abbringen zu lassen. Der Versuch, die Zukunft zu kennen, bevor man sich entschließt, einen Versuch zu wagen, ist eine gute Ausrede, um letztlich nichts zu tun. 

Die Wahrheit über Genies

Die meisten glauben, dass der Schöpfungsprozess so aussieht, wie Mozart ihn in einem Brief 1815 beschrieben hat:

Wenn ich recht für mich bin und guter Dinge, etwa auf Reisen im Wagen, oder nach guter Mahlzeit beym Spazieren, und in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann: da kommen mir die Gedanken stromweis und am besten. Woher und wie, das weiss ich nicht, kann auch nichts dazu.

Der Brief offenbart, dass Mozarts Sinfonien als Schöpfungen seiner Phantasie einfach aus dem Nichts erschienen. Aber Jahrzehnte nach Veröffentlichung dieses Schreibens, bewies Mozarts Biograph, dass dieser Brief nichts anderes als eine Fälschung ist. In seinen echten Briefen an seine Familie beschrieb Mozart, wie oft er seine Kompositionen revidierte, noch öfters feststeckte und ohne ein Klavier und Cembalo nicht fähig war, zu komponieren.  

Und trotzdem halten sich Mythen wie diese hartnäckig. Sehen wir uns noch andere Mythen an:

Mythos Nr. 1: Genies sind mürrische Einzelgänger.

Die Wahrheit: Genies schätzen Zeiten der Einsamkeit, aber sie wechseln zwischen diesen und geselligen Momenten. Angeblich verbrachte der schottische Philosoph David Hume Wochen in seinem Arbeitszimmer, um dort zu lesen und nachzudenken. Anschließend tauchte er in Kneipen auf, um seine ausgebrüteten Gedanken mit anderen zu teilen und zu diskutieren.

Kreative Menschen reflektieren ihre Gedanken mit Gleichgesinnten: Freud hatte seinen Mittwochskreis, Einstein die Olympia-Akademie und die französischen Impressionisten hielten wöchentliche Treffen ab. Eine Studie untersuchte die zwischenmenschlichen Beziehungen von etwa 2.000 Wissenschaftlern. Das Ergebnis: Je größer die Gruppe der Wissenschaftler ist, desto mehr Interaktionen mit anderen bedeutenden Wissenschaftlern finden statt. 

Mythos Nr. 2: Genies werden als solche geboren.

Im Jahr 1869 veröffentlichte der Brite Francis Galton sein Buch "Hereditary Genius". Darin argumentierte er, dass Genie einzig durch die Genetik bestimmt werde. Die Wahrheit ist jedoch, dass Genetik ein Teil der Mischung ist – aber eben nur ein Teil. Es spielen noch ganz andere Faktoren mit wie Beharrlichkeit, Risikobewusstsein, Neugierde und Offenheit für Neues. Genie ist harte Arbeit und richtige Haltung. Das zeigte auch eine andere Studie, die erfolgreiche junger Musiker genauer unter die Lupe nahm. Dabei wurde herausgefunden, dass nicht die Anzahl der Übungsstunden den Erfolg bestimmte, sondern die Beharrlichkeit der Schüler. 

Mythos Nr. 3: Genies sind schlauer als der Rest von uns.

Das Wort Genie stammt aus dem Französischen ab und bedeutet so viel wie erzeugende Kraft. Gemeint ist eine Person mit überragender schöpferischer Geisteskraft.

Beim kreativen Genie geht es aber weniger um Intelligenz als vielmehr um den Weitblick. Ein Genie umfasst die Fähigkeit, Ideen zu entwickeln, die neu, überraschend und wertvoll sind. Natürlich hilft eine gewisse Intelligenz. Aber es braucht kein enzyklopädisches Wissen oder beeindruckende Bildung. Viele sogenannte Genies haben entweder die Schule abgebrochen oder waren nur mittelmäßige Schüler. Das wahre Genie beruht nicht auf angehäuftem Wissen, sondern auf der Fähigkeit, Verständnissprünge zu machen, die andere nicht können. Es geht nicht um besser wissen, sondern um ausprobieren und anders kombinieren.

Mythos Nr. 4: Genies sind selten.  

Wir neigen dazu, Genies als das eine Art intellektuelles Äquivalent von Sternschnuppen zu sehen: selten und zufällig. Genies sind aber weniger Sternschnuppen, als vielmehr Blumen, die ein natürliches Ergebnis einer kreativen Ökologie sind. Genies treten zumeist in Gruppierungen auf. Gewisse Orte zu bestimmten Zeiten bringen brillante Köpfe zusammen, die gemeinsam gute Ideen haben. Denken Sie an das antike Athen oder das moderne Silicon Valley: Die Dichte des urbanen Umfelds fördert die Kreativität. Gerade in Städten herrscht ein hohes Maß an Toleranz und Offenheit für Neues. Wie Platon sagte: "Was in einem Land geehrt wird, wird dort kultiviert werden."

Fazit

Wir neigen dazu, Kreativität und Innovation zu romantisieren. Wir denken an auserwählte Menschen, die sich vom Rest von uns unterscheiden. Wir gehen davon aus, dass Personen wie Albert Einstein, Mozart oder Marie Curie einzigartig sind. Dass sie einen magischen, mystischen Prozess folgen, der normalen Menschen vorenthalten ist. Dabei ist Kreativität kein einzelner Moment der Inspiration, sondern ein langwieriger Prozess voller Ausdauer. Kreativität steckt einfach in jedem von uns und ist angeboren. Einige von uns können sicherlich gewisse Dinge besser als andere. Aber die Wahrheit ist, dass wir alle alles schaffen können, wenn wir wollen. Wir müssen uns nur daran erinnern, dass der kreative Prozess viele Schritte und Versuche erfordert.